Freitag, 30. Oktober 2026

Zwanzig Jahre später – warum ich wieder Kurzgeschichten schreibe

 Ein Gastbeitrag von Andreas Tebbe

Manchmal braucht es einen Blick zurück, um sich daran zu erinnern, was einem einmal wichtig gewesen ist.

Bei mir war es ein Abitreffen.

Schon während meiner Schulzeit begann ich, Kurzgeschichten zu schreiben. Ich hatte Freude daran, mir Geschichten auszudenken, Menschen in ungewöhnliche Situationen zu bringen und zu beobachten, wohin mich meine eigenen Gedanken führten.

Auch nach der Schulzeit blieb ich dem Schreiben treu. Damals veröffentlichte ich noch unter dem Namen Andreas Wienpahl, betrieb eine eigene Homepage und tauschte mich mit anderen Autoren aus. Einige meiner Geschichten wurden sogar als Hörfassungen veröffentlicht.

Das Internet war damals noch ein etwas anderer Ort. Autorenhomepages, Literaturplattformen und gegenseitige Verlinkungen boten Möglichkeiten, Leser zu erreichen. Ich hatte Freude daran, nicht nur zu schreiben, sondern auch zu sehen, dass meine Geschichten tatsächlich gelesen wurden.

Irgendwann wurde es allerdings still.

Es gab keinen bewussten Entschluss, mit dem Schreiben aufzuhören. Das Leben entwickelte sich einfach weiter. Beruf, Familie und andere Verpflichtungen rückten in den Vordergrund. Die Geschichten verschwanden nach und nach aus meinem Alltag.

Im Frühjahr 2025 begann ich erstmals wieder zu schreiben. Ich merkte, dass die Freude am Erzählen noch immer da war. Trotzdem blieb es zunächst bei diesem ersten Anlauf. Es folgte wieder eine längere Pause, die ungefähr ein Jahr dauerte.

Dann kam 2026 mein zwanzigjähriges Abitreffen.

Ich traf Menschen wieder, die mich aus einer Zeit kannten, in der das Schreiben ein wichtiger Bestandteil meines Lebens gewesen war. Mit den Erinnerungen an die Schulzeit kamen auch die Gedanken an meine Geschichten zurück.

Und damit eine Frage, die mich beschäftigte: Warum hatte ich eigentlich irgendwann aufgehört?

Natürlich könnte man darüber nachdenken, was aus dem Schreiben geworden wäre, wenn ich all die Jahre weitergemacht hätte. Vielleicht hätte ich mehr veröffentlicht. Vielleicht wäre irgendwann ein Buch entstanden. Vielleicht aber auch nicht.

Solche Überlegungen ändern nichts an der Vergangenheit.

Aber sie können etwas in Bewegung setzen.

Diesmal wollte ich es deshalb anders angehen. Nicht einfach gelegentlich eine Geschichte schreiben und sie anschließend auf der Festplatte vergessen. Ich wollte wieder veröffentlichen, neue Leser erreichen und mich mit Menschen austauschen, die meine Begeisterung für Literatur teilen.

Vor allem wollte ich diesmal dauerhaft dabei bleiben.

Dabei entdeckte ich auch wieder, was mich an Kurzgeschichten schon immer besonders fasziniert hat.

Eine gute Geschichte braucht für mich nicht unbedingt dreihundert Seiten. Manchmal genügt eine alltägliche Situation, ein Gespräch oder eine Entscheidung, um etwas zu erzählen, das beim Leser hängen bleibt.

Besonders gerne beschäftige ich mich mit unterschiedlichen Perspektiven. Mich interessiert, warum Menschen handeln, wie sie handeln, und wie unterschiedlich ein und dieselbe Situation wahrgenommen werden kann. Ich mag Geschichten, die zunächst eine bestimmte Erwartung wecken und am Ende vielleicht einen ganz anderen Blick auf das Geschehen eröffnen.

Beim Schreiben selbst gehe ich allerdings weniger geordnet vor, als man vielleicht vermuten würde.

Wenn mich eine Idee packt, schreibe ich zunächst einfach drauflos. Manchmal viel zu ausführlich, manchmal mit Gedanken und Nebenhandlungen, die später wieder verschwinden. Ich möchte mich in dieser Phase nicht ständig selbst ausbremsen.

Erst danach beginnt die eigentliche Arbeit. Sätze verändern, Absätze streichen, Zusammenhänge überprüfen und die Geschichte auf das reduzieren, was sie wirklich braucht.

Gerade bei Kurzgeschichten finde ich diese Arbeit besonders spannend. Oft merkt man erst beim Überarbeiten, worauf eine Geschichte eigentlich hinauswill.

Seit meinem erneuten Einstieg hat sich einiges getan. Ich habe meine Autorenhomepage wieder aufgebaut, alte Geschichten hervorgeholt und neue geschrieben. Ich reiche Texte bei Literaturzeitschriften, Anthologien und Wettbewerben ein. Eine meiner Geschichten wurde inzwischen auch wieder als Hörgeschichte veröffentlicht.

Besonders viel Freude macht mir dabei der Kontakt zu anderen Schreibenden. Ich entdecke ihre Texte, tausche Erfahrungen aus und lerne Menschen kennen, denen ich ohne das Schreiben vermutlich nie begegnet wäre.

Natürlich habe ich auch Ziele. Ich würde gerne irgendwann einen eigenen Kurzgeschichtenband bei einem Verlag veröffentlichen. Ob das gelingt, weiß ich nicht. Aber ich möchte zumindest versuchen, diesen Weg zu gehen.

Dabei habe ich keineswegs vor, hauptberuflicher Schriftsteller zu werden. Ich habe einen Beruf, eine Familie und einen Alltag, der auch ohne Literatur gut ausgefüllt ist.

Trotzdem kann man etwas ernsthaft betreiben, ohne es zum Beruf machen zu wollen.

Vielleicht ist das der größte Unterschied zu früher. Ich schreibe nicht mehr nur, weil mir Geschichten einfallen. Ich beschäftige mich inzwischen auch ganz bewusst damit, wie ich sie verbessern, veröffentlichen und an Leser bringen kann.

Ob ich damit erfolgreich sein werde, wird sich zeigen. Für mich bedeutet Erfolg ohnehin nicht ausschließlich, irgendwann ein Buch in den Händen zu halten.

Es ist auch ein Erfolg, wenn jemand eine Geschichte liest und sich anschließend Gedanken darüber macht. Wenn ein Text veröffentlicht wird. Oder wenn aus dem gemeinsamen Interesse am Schreiben ein neuer Kontakt entsteht.

Im Rückblick finde ich es erstaunlich, dass ausgerechnet ein Abitreffen diesen erneuten Anstoß gegeben hat.

Vielleicht hätte ich auch ohne dieses Wiedersehen irgendwann wieder intensiver geschrieben.

Vielleicht aber auch nicht.

Jedenfalls bin ich froh, dass ich wieder angefangen habe.

Und diesmal möchte ich nicht noch einmal zwanzig Jahre verstreichen lassen.


Über den Autor

Andreas Tebbe, Jahrgang 1986, schreibt Kurzgeschichten über Menschen, Entscheidungen und überraschende Perspektiven. Nach ersten Veröffentlichungen unter dem Namen Andreas Wienpahl hat er 2026 seine literarische Arbeit wieder intensiv aufgenommen. Neben neuen Geschichten beschäftigt er sich mit der Veröffentlichung seiner Texte in Literaturzeitschriften, Anthologien und als Hörgeschichten.

Auf seiner Autorenhomepage gibt es ausgewählte Kurzgeschichten kostenlos zu lesen sowie Einblicke in aktuelle Projekte und Veröffentlichungen.

https://tebbe-schreibt.de/ 

Text: Andreas Teabbe
Foto: Carlos Copete

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