Kicki hatte es sich bequem gemacht. Unter einem Birnbaum hatte sie eine Decke und ein Sitzkissen gelegt, auf dem sie nun saß und die Dahlien vor sich im Beet eindringlich betrachtete. Dann setzte sie ihren Bleistift an und begann zu skizzieren.
Strich um Strich zeichnete Kicki und vertiefte sich dabei immer mehr in Blumen und Bleistiftstriche. Schließlich schien es ihr so, als gäbe es nichts weiter um sie herum als Dahlien und Skizzenblock. Aus diesem Grund überhörte sie auch das Rufen ihrer Mutter, bis diese direkt neben ihr stand.
"Ach, hier bist du." Kicki schreckte auf.
"Was machst du da? Lass sehen." Kicki wollte das eigentlich nicht, aber schon hatte ihre Mutter ihre Zeichnung im Visier.
"Du zeichnest ja schon wieder. Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass das reine Zeitverschwendung ist? Wolltest du nicht Unkraut im Blumenbeet jäten?"
Nein, das hatte Kicki nicht gewollt und auch nicht gesagt. Das hatte ihre Mutter nur verstanden, verstehen wollen, als Kicki gesagt hatte: "ich gehe zu den Dahlien hinten beim Birnbaum."
"Leg das Zeug weg und komm ins Haus. Das Essen ist gleich fertig. Deck' bitte den Tisch. Hoffentlich ist nichts angebrannt, weil ich dich solange suchen musste. Aus dir wird nie eine vernünftige Hausfrau."
Kickis Mutter hätte noch weiter geredet, wären sie jetzt nicht im Haus angekommen. Kicki stellte bei diesen verbalen Ergüssen ihre Ohren immer auf Durchzug. Das war das beste, hatte sie gelernt.
"Gerade noch rechtzeitig", wetterte ihre Mutter weiter.
"Was ist denn los?" Kickis Vater kam ins Esszimmer. Ihre Schwester hörte sie auch schon kommen.
"Kicki hat wieder gezeichnet anstatt zu fleißig zu sein. Ich musste sie suchen, weil sie ja nie hört. Das Essen wäre deshalb fast angebrannt."
"Na so schlimm sieht es gar nicht aus. Im Gegenteil, riecht gut. Lass Kicki doch. Sind doch nur noch ein paar Tage, bis ihre Ausbildung anfängt. Da vergeht ihr die Lust schon noch an diesem Unsinn."
"Es ist kein Unsinn." Kicki wurde jetzt doch etwas wütend. "Irgendwer muss doch die Bilder malen oder zeichnen, die ihr euch an die Wand hängt."
"Und du kannst das?" Dieser missachtungsvolle Blick kam nicht nur von ihrem Vater, sogar ihre Schwester beteiligte sich daran.
"Warum nicht? Außer euch gefällt allen, was ich zeichne. Warum sollte ich nicht an mich glauben?"
"Weil du ein junges Mädchen bist, das bald eine solide Ausbildung anfängt und wahrscheinlich in ein paar Jahren heiraten und eine Familie haben wird."
"Fein habt ihr euch das ausgedacht. Aber ich habe mich bisher nur für die Ausbildung entschieden. Das andere sind eure Träume. Außerdem besuche ich Abendkurse an der HBK."
"Was?" unterbrach Kickis Mutter sie.
Unbeirrt fuhr Kicki fort:"... denn ich glaube an mich. Ich glaube an mein Talent, und ich liebe das Zeichnen." Kicki hatte nur auf den richtigen Moment gewartet, ihren Entschluss ihrer Familie mitzuteilen, denn eingeschrieben hatte sie sich schon längst.
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