Posts mit dem Label Geschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Geschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 30. Januar 2025

Hegel

"Sieh, mein Kind, sieh

Den Fluß dir an.

Als Tropfen nur, als

Nichts fängt er an.

Und siehe, nach der

Biegung dort, dort

Schwillt er schon weiter an.

Und nach einem Weg,

Von einer Meile vielleicht,

Da fällt er hinab in die Tief'."

"Wie braus und kracht es

So sehr, oh Vater." "Ja, mein Kind,

Doch siehst du nicht,

Wie sachte er dann wird, so sachte?"

"Wie lang' es dauert, dann er

Schäumt erst wieder."

"Ja siehst du denn darin die 

Brocken nicht?" "Markieren

Sie den Fluß nicht nur;

Verwirbeln, verspritzen sie nicht 

Den Lauf so recht nach Herzensgenuß?"

"Ja. Doch ich ahn' es schon,

Je weiter er kommt,

Je breiter er wird,

Jede Stromschnelle, die sich in ihm verirrt,

Ich seh' es kommen,

Er spürt sie immer noch,

Wenn er das große Weltenmeer speist."

"Ja, Vater."

"Und nun, mein Kind, sieh den Geist."

(5.4.1996)






 

Montag, 27. Januar 2025

Erinnern und vergessen: Eine Geschichte

 



Um die Hausecke biegend sehe ich sie. Mein Herz klopft vor Freude. Hier hat sich nichts verändert. Nur im Haus wohnt jemand anderes. Wir haben uns angefreundet.

Der Garten ist nicht mehr, aber die Mauer hinten am Hof steht noch da. In gewohnten Bewegungen steige ich hinauf und lege mich mit meinem Rücken auf die Mauer. Ich drehe den Kopf auf die Seite und schaue über die Felder, hin zu den Bahngleisen und weiter. Ich schaue in den Himmel hinein.

Dann schließe ich meine Augen und lasse mich auf der Mauer von der Sonne wärmen.

☀

“Hol’ mal Kartoffeln aus dem Keller.” Ich ahne die Worte nur, die mir meine Mutter vom Treppenhausfenster aus zuzurufen versucht. 

Deshalb ist die Mauer mein Lieblingsplatz. Hier kann ich träumen, kann weit blicken, kann manchmal meinem Vater bei der Gartenpflege zuschauen. Die Worte meiner Mutter erreichen mich nicht.

Es ist Sommer und so herrlich warm. Im Garten blüht es in vielen Farben. Das Getreide auf den Feldern wird bald reif sein. Mein Bruder hat gerade den Rasen gemäht und so liegt der Duft von frischem Gras in der Luft. Ich liebe den Sommer. In zweieinhalb Wochen habe ich Geburtstag, und danach sind die Sommerferien vorbei. Was das neue Schuljahr wohl bringen mag?

Es wurde ein aufregendes neues Jahr. Ich saß neben meinem heimlichen ersten Jugendschwarm und einer lieben Freundin. Der Ausblick aus dem Klassenzimmer war super, denn der Raum lag im obersten Stockwerk der Schule und der Blick reichte über die Silhouette der Stadt hinweg. Ich mag weite Ausblicke.

☀

Ich hatte mit einem Tanzkurs begonnen. Mit meinen schlacksigen, viel zu langen Armen und Beinen versuchte ich mich in die Musik einzufühlen. Nur beim schnellen Walzer gelang mir das sofort. Der erste Kuss kam nach einer dieser Tanzstunden. Ach, die Jugend!

Der Herbst verging. Ein schöner Herbst mit Herzklopfen und kleinen dummen Dingen, die verliebte Teenager so machen.

“Im November fahre ich zur Spielwarenmesse. An dem Wochenende telefonieren wir dann nur, ja?”
“Klar. Und wenn du wieder da bist, erzählst du mir alles.”
“Mach ich.”

Im November machte meine Mutter eine dieser Kuren, die in den Siebzigern und Achtzigern so gerne verschrieben wurden.

☀

“Wollen wir deine Mutter am Wochenende besuchen fahren?”

“Na klar.”

Schnee lag im November. Aber das kam in diesen Jahren hin und wieder vor. Wir packten die Skier ins Auto und machten uns auf den Weg, und zwei Stunden später tranken wir mit meiner Mutter zusammen Kaffee. 

“Der Typ da drüben ist sehr nett. Manchmal gehe ich mit ihm zum Schwofen.” Vor zwei Tagen hatte mein Vater meine Mutter besucht.

Nach dem Kaffee fuhren wir wieder los, parkten das Auto und zogen die Skier an. Im geloipten Schnee, auf entgleistem alten Bahndamm liefen die Skier leicht neben der neuen Eisenbahnstrecke her.  Das ist die letzte Erinnerung. Danach ist an guten Tagen Nebelgewölk in meinem Kopf mit verschwommenen Umrissen. Meistens jedoch Ohnmacht. Alles wird schwarz und ich versinke in Vergessenheit.

☀

Am frühen Abend finde ich mich zuhause auf dem Hausflur im ersten Stock wieder. Es kommt selten vor, dass niemand zuhause ist. Nur ich. Und das wird mir gerade viel zu viel. Etwas ist zerbrochen. Ich kann mich nicht mehr zusammensetzen. Bin ich noch sechzehn oder noch fünfzehn oder schon zwanzig? Was war gestern für ein Tag? Ach ja, mein Freund kommt ja erst morgen Abend wieder zurück. 

Einmalig, zum ersten Mal, schwindelig steige ich die Treppe zum Boden hoch. In einer Kammer ganz offen steht der Alkohol meiner Eltern. In diesem Haus wird nur zu Feierlichkeiten getrunken. Die Flaschen sind alt. Wahllos greife ich eine und setze an.

Nachts wird mir übel. Das ist mir peinlich. Noch ein erstes Mal. Wann werde ich mich davon erholen?

☀

Ich öffne kurz meine Augen und bewege etwas meine Beine auf der Gartenmauer liegend. Es ist erst wenige Wochen her, dass ich das wieder uneingeschränkt tun kann. Sechsunddreißig Jahre lang nicht. Sechsunddreißig Jahre vergaß mein Körper nicht, aber ich, wie der Schaden zustande kam.

Das heißt, mit der Zeit blitzen aus den Nebelfetzen in meinem Kopf scharfe Umrisse auf, mehr nicht. Minuten des Vergessens. Lebensminuten verloren, vergessen.

☀

Nur einen Satz, den letzten vor Antritt der Rückfahrt vom Skifahren, habe ich nie vergessen. Er steht klar vor mir: “Erzähle niemanden davon. Es wird dir sowieso niemand glauben.”

☀

 Circa zwanzig Jahre später hörte ich denselben Satz noch einmal. Diesmal von einem Polizisten im Geschäft meines Exmannes nach Ladenschluss. Diesmal gab es keine Nebelschwaden in meinem Kopf, sondern nur Klarheit und Schmerz.

Schmerz auch über den Verlust der Wahrheit.


Mittwoch, 8. Januar 2025

Kurioses - Besser nicht nachfragen, oder?

 Ich gehöre einer Generation an, die unter Umweltschutz versteht, Vögel zu beobachten und ihren Bestand zu zählen, bei der Krötenwanderung den Tieren über viel befahrene Straßen zu helfen, und die Anlage von Kräuterspiralen beschäftigte uns.

Als die Mülltrennung zum ersten Mal aufkam, war ich dafür. Das ist mehrere Jahrzehnte her. Und heute?

Kurios.

Ein paar Eindrücke.


Foto von saurabh mention, pexels


Ich habe lange Zeit in der Stadt gelebt und dort empfand ich die Einführung der 'grünen Tonne' als sehr nützlich, denn in der Stadt kann man nun mal keine Komposthaufen errichten. 

Die Trennung von Altpapier und Glas war ebenfalls sehr verständlich. Das Recycling kam auf. Find ich gut. Was macht man eigentlich mit alten Dosen? Außer einen Teelichtofen, versteht sich. Nun ja, das habe ich wohl vergessen.

Auch eine gute Idee.
Foto von Ylanite Koppens, pexels


Die Zeit meines Landlebens ist nun länger als mein Stadtleben. Wie in meiner Kindheit ticken auf dem Land die Uhren anders. So findet man in vielen Gemeinden Abweichungen vom Trennsystem. Ortstypische Varianten, Besonderheiten eben.


Kleiner Plausch
Foto von Efrem Efre, pexels


Und so kam es nach Neujahr 2025 zu folgender Geschichte.

In vielen Dörfern einer Region holte eine Gesellschaft Glas und Dosen/ Metalle zusammen ab. Sie landeten gemeinsam auf einen Anhänger. 

Kunststoffe wurde in gelben Säcken gesammelt. Die wurden am Abholtag auf die Straße gelegt und abgeholt. Im Laufe der Jahre wurde der Zeitpunkt der Abholung immer später und unregelmäßiger am Tag, so dass bei Wind sich die Säcke selbstständig machten. Manche am Vorabend hinausgelegten Säcke wurden von Tieren aufgerissen und alles Gesammelte  flog durch die Straßen.

Das erinnerte mich an den Grund, warum ich Mülltrennung an sich gut finde, denn in vielen Ländern, die ich bereist habe, werden kleine Plastikbeutel zu Hauf verwendet und sie fliegen vielfach durch die Landschaft. 

Aufgeräumt!
Foto von Jan van der Wolf, pexels


Ich selbst habe eine Möwe von einem großen Stück Plastik befreit, in das sie sich rettungslos verknotet hatte. Natürlich erkannte die Möwe meine hilfreiche Absicht nicht ganz, was mir einige Schnabelhiebe einbrachte. Aber es gelang. 

Foto von Anurag Jamwal, pexels


Besonders aus diesem Grunde nahm ich vor Jahren an einem Schreibwettbewerb teil, woraus schließlich das EBook 'The Diver in the Sand' entstand.

Nun wehte an schlechten Tag der Müll durch den Ort.

Als daher Ende November 2024 gelbe Tonnen in mehreren Dörfern verteilt wurden, bedeutete das wohl das Ende von durch die Gegend fliegenden Müll und Säcken.

Neugierig las ich den Text auf einer solchen Tonne. Darauf stand, was in die neue Tonne gehörte. Kurios. Ich fand in einer Ortschaft sogar einen Termin, wo es nur um die Befüllung der neuen Tonne ging. Leider zu weit weg.

Am nächsten Abholtag lagen wieder die 'gelben Säcke auf der Straße. Daneben die Körbe mit Dosen und Glas vereint.

Dann verließ uns das Jahr 2024 und ein neuer Abholtag, der erste im Jahr 2025, brach an. 'Gelbe Tonnen' bevölkerten die Straße, verschwunden fliegende Säcke. Daneben die Körbe, manche mit Dosen und Glas, manche nur mit Glas gefüllt.

Ich war erst nachmittags wieder zurück. Verlassen, einsam standen einige Körbchen, befüllt mit Glas UND Dosen, versehen mit einem großen gelben Zettel auf der Straße: Mitnahme verweigert. Falsch befüllt!

Nach mindestens über einem Jahrzehnt gehören die Dosen in die/ den 'Gelbe Tonne/ Sack, und derselbe Dienst, der vorher anstandslos Glas und Dosen vereint einsammelte, verteilt nun 'Strafzettel'. 

Nein, nein, nein. Das gehört woanders rein.

Also ich glaube - nein, besser nicht! - Denn sonst heißt es für mich: Das darf man nicht!

Aber eins gebe ich zu bedenken: In meinem Stadtleben konnte man zur Deponie fahren und vom entstandenen Kompost, sich etwas für sich abholen. Der Grüne-Tonnen-Inhalt wanderte in meinen Kleingarten. Recycling von Papier, Glas und Plastik ist weit verbreitet und normal geworden. Aber was ist mit der Dose?  

Foto von Nico Brüggeboes, pexels


Montag, 15. April 2024

Gedicht: Narben der Menschheit

 Verlassen eine Ebene daliegt,

Steine einer Ruine,

Gebaut zu produzieren,

Dann Unglück produziert.

Nutzenwandel. Unvergessen.

Unheimlich.

Frisches Grün verwischt

Jahrzehnte alte Spuren.

Vergessen tut der Seele gut.

Aber manches eben nicht!

Dienstag, 2. April 2024

Mein "Titanic-Moment"

 Ja, manchmal kommt so ein großer Moment ganz unscheinbar daher...


Da kam mir letzten Freitag etwas in den Sinn und zwei Stunden später machte ich mich auf den Weg. Eine Auszeit nehmen war dringend nötig, das Wie und Wohin war  die Frage gewesen.


Die Idee

Ich erinnerte mich an Orte, die mich glücklich gemacht hatten. Einen konnte ich auf der Landkarte nicht wiederfinden, einer war gar nicht weit entfernt. Also ging es los. Trotz der Jahre erinnerte ich mich noch ziemlich gut. Ich überließ mich den Erinnerungen, und trotz der über den zehn Jahren dazwischen fand ich sofort hin.

Ende im Gelände

Nicht gleich fand ich mich bei den Veränderungen zurecht. Da war ein einfacher Zaun um den Parkplatz, Wohnmobile und Campingzelte. Wir waren damals nur mit einem Auto und einem Grill gekommen.

Meine Hündin und ich erkundeten den Platz: Alles so vertraut und doch so fremd...

Dann erklärte man mir, dass die Straße weiter runter noch ein Taucheinstieg war. Ich fuhr los.

Durch unbekannte Wochenendhäuschen führte die Sackgasse. An deren Ende stand eine verlassene Halle. Ich stoppte, stieg aus.


Remembering

Wie in dem Titanicfilm, wenn von der Gegenwart in die Vergangenheit geschwenkt wird und das Wrack zu neuem Leben erwacht, erging es mir beim Anblick dieser leerstehenden Halle mit zerbrochenden Festerscheiben und abbröckender Farbe. Die alte Tauchbasis stand vor mir. Ich wusste noch genau, wie wir in die Halle gegangen waren und uns angemeldet hatten, wo ich meinen Tauchanzug angezogen hatte, wie das Wetter gewesen war. Erwartungsvoll ging ich zum Taucheinstieg am See.


Veränderungen

Wie die Halle, so hatte sich auch das Ufer verändert. Wir verweilten im Gelände. Meine, mittlerweile blinde, Hündin konnten das Umherstromern genießen. Ich hing meinen Gedanken und Gefühlen nach.

'Wie lange alles schon her war. Und was sich seitdem alles in meinem Leben verändert hatte! Mir war gar nicht bewusst geworden, welchen Sprung in ein neues Leben ich verwirklicht hatte.' Das sollte mir  bis zum Abend nicht mehr aus dem Kopf gehen. 

Ich fand am Seeufer eine flache Stelle mit Kiesschotter. Ich setzte mich in die Hocke und sann nach. Meine Hündin spielte mit Kies und Wasser. An so einer Stelle war damals der Einstieg ins Wasser gewesen. Ich sah über die Wasseroberfläche hinweg, ließ meinen Blick langsam wie meine Gedanken in der Erinnerung über den See gleiten - Es war herrlich. Herrlich gewesen und auch im Moment. Aber jetzt war eine andere Zeit. Und das war wunderbar so!

Und wie die alte Dame am Ende des Films ihre Kette mit dem Edelstein ins Meer gleiten lässt, lasse ich diesen Teil meiner Vergangenheit in die Wasser des Sees gleiten.


eBook-Katalog von Smoothie Cat Launebücher

eBook-Katalog von Smoothie Cat Launebücher

 Klicke hier , um den Katalog zu öffnen. https://drive.google.com/file/d/1nEThgofzdweaMZWeozmNbsBjep8c4Wh6/view?usp=sharing