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Donnerstag, 12. Juni 2025

Was ist Kunst?

 Der Inspiration von Dana Design folgend schreibe ich meine Gedanken zur Frage nieder.

Zeichnung Dame mit Hut
Da flitzt der Bleistift mal kurz übers Papier.

Kunst wird von einem Künstler geschaffen. Ich meine damit einen Menschen, der einen Stift, Pinsel, Kohle oder Ähnliches in die Hand nimmt, um kreativ zu gestalten. Seine Absicht ist es dabei, ein Bild, eine Skizze, eine bildliche Darstellung zu erschaffen. Dazu nutzt er dazu seine eigenen Gedanken, Gefühle, Maltechniken und Vorstellungen. 

Kunst zu bewerten ist schwierig, denn es geht dabei in erster Linie darum, ob ein Kunstwerk gefällt oder nicht. Natürlich gibt es eine Kunsttheorie, aber die basiert auf Kunstgeschichte. Sie bewertet und ordnet ein nach Bildern, die seit langem bestehen. Durch Vergleichen können Stile  miteinander verglichen werden und so Kunstepochen benannt werden. Für zeitgenössische Kunst ist der Geschmack viel wichtiger, und der ist bekanntlich bei jedem anders.

Die Funktion von Kunst ist verschieden und hat sich auch gewandelt. Eindeutig dient sie vielen Menschen zur Verschönerung von Häusern und Gebäuden. Aber ich möchte noch an zwei andere Punkte erinnern.
Bevor es die Fotografie gab, waren Maler wichtig, um Ereignisse festzuhalten, Porträts zu fertigen, botanische Zeichnungen von Exkursionen und Expeditionen anzufertigen usw.. Und solange gibt es die Fotografie noch nicht. 

Wichtiger Auftraggeber war auch die Kirche. Wie viele Gotteshäuser sind mit Bildern teils berühmter Maler ausgestattet? Dem Kirchgänger sollten Bildergeschichten aus der Bibel erzählt werden. Künstler arbeiteten für Auftraggeber, es war ein Beruf wie jedes andere Handwerk auch. Das vergessen wir heutzutage als Menschen mit anderen Berufen nur allzu leicht.

Kunst wird auch heute noch gebraucht, und auch heute gibt es Menschen, die in der Kunst ihre Berufung sehen. Nur sieht ihr Berufsalltag heute etwas anders aus.

Kunst darf wachrütteln, Fragen stellen, sie muss nicht gefallen, aber sie darf es.  Ein Porträtmaler oder Kirchenmaler hat diesen Spielraum nicht, er hat Vorgaben. Bei einem Illustrator sind die Vorgaben weniger spezifisch, er hat mehr Spielraum. Aber ist Illustration Kunst?

Ein Kunde kaufte einmal ein Bild mit folgender Begründung von mir: Es hat einen Vorder- und Hintergrund. Aha, die klassische Bildaufteilung. Ich halte die chinesische Tuschmalerei mit ihren reduzierten Pinselstrichen für Bambus, Chrysanthemen usw. dagegen.
Und auch abstrakte Kunst hebt sich bewusst von dieser Bildaufteilung ab. 

Kunst kann muss aber nicht die perfekte Wiedergabe der Realität sein. Diese Aufgabe hat sie seit der Verbreitung von Fotografie verloren.

Geschmäcker sind verschieden, und das ist gut so. Dazu wenige persönliche Eindrücke:

- Ich hatte das Glück Galerien und Kirchen in Rom, Florenz, Venedig und Siena besuchen zu können. Die Originalbilder großer Künstler betrachten zu können, ist ein Geschenk. Die Ausstrahlung so eines Bildes ist unglaublich, man mag immer nur schauen, schauen. 


- Früher ließ ich selber junge Künstler in meinem Veranstaltungsraum ausstellen. Immer inspiriertem mich die Bilder, Fragen zu stellen, auch wenn mir nicht alle gefielen.

- In Bad Gandersheim half ich ehrenamtlich eine Zeit lang, die Kunstausstellungen zu betreuen. Manche Künstler inspirierten mich sehr, andere berührten mich eher nicht. Wer besser oder schlechter ist, kann ich nicht sagen. Der eine regte meine Gedanken und Emotionen an, der andere hinterließ mich neutral.

- Bei einer Bilderausstellung von Günter Grass in Braunschweig war ich in Bild vertieft, das für mich völlig klar in der Deutung war, als ich neben mir eine Dame zu einer anderen sagen hörte: "Was soll das darstellen? Was ist das?"

Kunst darf das. Kunst darf erfreuen, verwirren, Fragen aufwerfen, entrüsten - alles nur nicht unauthentisch sein.

   

Donnerstag, 24. April 2025

Neues Gefühl: Schreibunlust

 Keine Schreibblockade, sondern mutloser Fokus



Und deshalb nutze ich diese Stunde zur Reflexion. Was ist in den letzten Tagen so alles passiert?


Ziemlich viel. Ich höre es auch von vielen anderen Leuten, dass die Zeit so schnell verfliegt. Und mir geht es auch so. Immer schneller kommen und immer weniger kann ich all den vielen Impulsen so nachgehen, wie ich das möchte.
Andererseits bin ich froh über den Wandel. Es wird Zeit.

1. April - Start vom Wandel

Freudig plante ich meine Geschichte für das Camp NaNoWrimo 2025 und richtete es auch am 1. April ein. Doch passierten zwei Dinge. Mir fiel auf, dass die Plattform irgendwie leblos wirke, und ich hatte nach dem Start keine Lust auf meine Geschichte, was ich ehrlich noch nie hatte.
Dafür entdeckte ich das Projekt NaPoWriMo, woran ich mich beteiligte, bis ich Ostern die Lust sogar auf das Tagesgedicht verlor. Nicht einmal einen Blogartikel wollte ich schreiben. 
Heute schreibe ich mich ein bisschen zurück.

2. Was war passiert? - Ursachen

Das einfachste zuerst: Es gibt kein NaNoWrimo mehr. Das Einloggen funktioniert noch, aber offiziell war das Ende zum 1. April, was kein Scherz war. Natürlich bin ich traurig darüber.

Komplexer sind die Erkenntnisse über NaPoWriMo. Dort wird ausschließlich auf englisch geschrieben, was nur logisch ist. Die ersten Tage war ich zu müde, um auf englisch zu wechseln, dann gelang es mir, dann schrieb ich auf deutsch und lieferte eine Übersetzung. Dann verlor ich die Lust.
Das größte Problem für mich mit chronischem Zeitmangel war die Kommentarfunktion. Der Blog zum Projekt ist großartig und sehr viel Mühe steckt darin. Nun ist der Austausch mit anderen immer willkommen, weshalb mir das Antworten auf Kommentare wichtig ist. Nur leider fand ich sie erst nach einer Woche. Und zwar versteckt in den Mails. Jeden einzelnen. Sonst nirgendwo. Ich habe eine Ewigkeit verbracht, alle zu finden und zu kommentieren, das war frustrierend.
Einige Teilnehmer erinnerten sich an ihre Schulkenntnisse des Deutschen, andere übersetzen mit Google. Ich setzte mich damit auseinander, probierte, meine eigenen Übersetzungen mit Google abzugleichen, und war wieder einmal froh, meine Wörterbücher noch zu haben. Warum?

1. Als Basis ist Google nicht schlecht, aber nicht genau genug.

2. Viele Wörter haben mehrere Bedeutungen und nur eine passt in einen Zusammenhang. Google kann das nicht leisten, ein Wörterbuch schon. Dort kannst du die Fülle an Bedeutungen erfassen und auswählen.

3. Bei einem Gedicht macht oft ein einzelnes Wort einen Unterschied in der Bedeutung. Das bemerkte ich deutlich bei der Google-Übersetzung eines Gedichtes am Monatsanfang ins Englische. Auf  einmal war das subtile weg und alles hatte sich in etwas Harmloses, Bedeutungsloses verändert, weil aus einem neu gewählten Adjektiv eine standardmäßige Phrase geworden war. Aber gerade das macht Gedichte ja aus, die Entdeckung neuer Formulierungen. Das kann Google in Übersetzungen nicht leisten.

 Letztendlich wurde mir der Aufwand zu groß.

3. Frust

Das Tagesgedicht soll immer ehrlich sein. Aber auch wenn es niemals eins zu eins meiner tatsächlichen Gefühlslage entspricht, was mancher annimmt, kann ich in tiefgehender Sorge denn doch nicht von freudiger Hoffnung schreiben, das wäre nicht authentisch. Nun ist es kein Spiel für Feiglinge, älter zu werden und schon gar nicht, einen Hund bis ins hohe Alter bedingungslos zu begleiten.
Da ich mit dem Tagesgedicht ein wenig Freude verbreiten möchte - auch wenn es mal ernst klingt - pausiere ich lieber, wenn es bei mir zu chaotisch wird. 
Und die vielen kleinen und großen Meldungen und Dinge wollten meine Stimmung wirklich in den Abgrund stürzen. Für mich war meine Berufswahl, zu schreiben, eine Herzensangelegenheit. Ich verehre Shakespeare, haderte etwas mit Goethe, liebe Friedrich Schiller. Heute wirklich Autoren, die an Bedeutung verloren haben??? 
Wie gerne ging ich in Buchläden, fand auch manchen Schatz im Supermarkt. Aber was ich jetzt Anfang April fand, machte mich traurig und ließ mich an den schon angeknacksten Bild der Verlagswelt tief zweifeln. Welcher Autor gibt sich für so etwas hin? Und schlimmer noch: Ich darf das Kind nicht einmal beim Namen nennen, denn die Gefahren des Schreibens kenne ich nun auch. Diese Welt ist upside-down.

4. Fazit

Umso wichtiger ist es, Gedankenhygiene so viel und so oft wie möglich den ganzen Tag über zu praktizieren, denn dann sieht man, das Schöne in der Welt. 
Und so raffte ich mich auf, als ich kurz vor depressiven Gedankenmustern stand, wieder in das Licht zu schauen, an mir zu arbeiten und wieder nach vorne zu sehen. Und wenn man das geübt hat, kommt man schnell aus so einem Loch heraus. 
Und schließlich gibt es auch in der Schreiberwelt die andere Seite. Die, die wortgewandt ist, diskutiert, liest und menschenzugewandt ist. Also, welche Autorin möchte ich heute sein?



 

Freitag, 28. Februar 2025

Vergangenheit auf modern - auf Abenteuersuche

 Bei meinem letzten Jahresrückblick tauchte einer auf, obwohl ich dieses Wort dafür noch gar nicht kannte: 

Lost Place.

Ist es nicht bezeichnend, dass es ein englischsprachiger Begriff ist? Ein verlorener Ort. Irgendwie mystisch. Aber genau diese Empfindungen umschreibt er, wie ich sie bei meinem Lost Place, der Tauchbasis beschrieben habe.

Aber wenn Lost Places ein interessantes Thema sind, dann lohnt wohl ein tieferer Blick.



Der Anfang - So fand ich zum Begriff Lost Places

Es gibt halt Momente, da ist ausruhen angesagt. In so einem Moment zeigte mir YT ein Video mit eben genannten Begriff an. Nach kurzem Überlegen klickte ich und schaute es mir an.

Mir gefiel der Film, aber der Schwarzwald ist ein gutes Stück weit entfernt und die gezeigten Lost Places waren alle schon älter. Nostalgisch, informativ, interessant, mehr nicht.

Aber dem Algorithmus folgend bekam ich natürlich neue Videovorschläge. Und da kam ich ins Nachdenken.

Lost Places - Was ist das überhaupt?

1. In vielen, oftmals ländlichen Gebieten gibt es leerstehende Häuser, die verfallen. Eigentümer oder Erben können nicht ausfindig gemacht werden, und vielleicht gibt es sie auch gar nicht mehr. Das macht sie aber nicht zu echten Lost Places, das sind einfach Häuser, die verfallen.

2. Lost Places sind Ruinen, Gebäude - mitunter Schiffwracks - die verfallen. Der Unterschied ist, dass sie eine Geschichte haben. Einst prachtvolle Bauten verfallen, verlorene Orte.

3. Und dann die andere Seite, um Lost Places abzugrenzen. Diese einst prachtvollen Gebäude werden nicht erhalten, dass heißt niemand kümmert sich um den Erhalt der Gebäude oder deren Geschichte. Die folgenden Beispiele erläutern diesen Punkt später genauer.

4. Und dann gibt es Lost Places, die geschichtlich relevant sind. Verschwinden sie, geht ein Teil Zeitgeschichte verloren. Auch dazu folgt ein Beispiel.


Eindrücke und Nachdenkliches zum Thema

1. Verfallen Häuser, ärgert das höchstens die Anwohner, weil die Wohnqualität der Nachbarschaft und des Ortes eingeschränkt wird. Auch wird das kaum irgendeine Gemeinde freuen. 

Leider habe ich schon zu viele solcher Orte und halbe Städte gesehen. Es ist immer etwas gruselig. 2011 war der Schock zwischen der lebendigen Stadt Braunschweig und der Stadt Zeitz groß, was sich heute vielleicht angeglichen haben mag.

2. In dem oben genannten Video ging es um die Hotels der Schwarzwaldhochstraße, eine Strecke, die ich nicht kenne. Die Anwohner ärgern sich genauso über die verfallenden Hotels. Selten gibt es Käufer, aber gebaut wird nicht . Investoren fehlen meistens.

Diese einzelnen Hotels entlang der Route sind Lost Places, weil jedes für sich eine Geschichte hat. Und zwar eine Geschichte von einem gigantischem Verfall. Vielleicht ist es genau diese Zutat, die diese Orte anziehend macht.

Diese Schwarzwald-Hotels hatten eine goldene Zeit, waren Besuchermagnete, oftmals kamen auch Prominente zu Besuch. Und eine Reihe Jahrzehnte später ist alles verfallen. Der Glanz ist verschwunden. Wehmut.

Lediglich ein gutes Jahrzehnt ist bei einem anderen Hotel vergangen. Das Stella Canaris schloss 2013 seine Türe und ist heute unglaublich verfallen. Mir ist es noch vage durch die Reisekataloge bekannt, denn auch noch in den Neunzigern blühte die Anlage. Und in jenem Jahrzehnt war ich viel unterwegs, pauschal und weniger pauschal. Deshalb beschäftigte ich mich mit diesem Lost Place.

Es ist erschreckend, wie schnell so ein Verfall geht. Erschreckend ist aber auch, dass immer weitere neue Hotels gebaut werden, ohne zuerst zu versuchen, vorhandenes wiederzubeleben. Gerade die Inselsituation der Kanaren begrenzt ja auf natürliche Weise den Wohnraum. Und mich wundert, das auch 2025 Pauschalurlaube beliebt zu sein scheinen. Lernen wir denn nie dazu?

Diese Frage bringt mich zum Nachdenklichsten Teil der Lost Places. Mir sind Siegfried und Roy jedenfalls noch ein Begriff. Ihre Shows müssen etwas Besonderes gewesen sein. Aber sie haben auch gelebt, indem  sie sich ihren eigenen Platz zum Leben geschaffen haben. Little Bavaria war wunderschön - und zerfällt. Es wurde sogar ausgeplündert. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde geklaut. Siegfried und Roy waren legendär und haben viel für ihre Stadt getan. Warum bewahrt man nicht die Erinnerung an sie?

Und das ist der Unterschied zu anderen solcher Gebäude. Sie werden zu Denkmälern  oder Museen umgewandelt. Goethes Gartenhaus zum Beispiel oder Schillers letztes Wohnhaus. Viele solcher Orte werden von Stiftungen oder Ähnlichem erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Warum geschah das nicht mit Little Bavaria? 

Nachdenklich stimmt mich besonders die materielle Seite des Lebens. Denn Siegfried und Roy hatten bestimmt ein sinnerfülltes Leben. Das ihr selbst geschaffener Wohnraum, der mit so viel Detailliebe aufgebaut worden war, in so wenigen Jahren verfällt, ist einerseits traurig. Andererseits zeigt es, das Materie Menschen unterstützen soll, aber nicht ihr Lebensziel sein kann, denn sie verfällt und Besitz allein macht nicht glücklich. Da gehört der Lebenssinn, die Lebensweise dazu. Das versöhnt mich mit dem Verfall von Little Bavaria, denn Siegfried und Roy nutzt es nichts mehr.

Aber ihre Geschichte zu erzählen, wäre für nachkommende Menschen lehrreich.

4. Das bringt mich zum traurigsten Punkt von Lost Places. Orte mit Vergangenheit, die nicht vergessen werden darf. Zwei Beispiele, die ich persönlich kenne.

4.1 Eine Ruine ist fast bis auf das Kellergeschoss verfallen. Das Gelände enthält vielfach nur noch Spuren, die nicht oder kaum auf ihre Geschichte schließen lassen. 

Diesem Gelände wurde sich angenommen. Der Verfall wurde gestoppt, das Gelände wird gepflegt und  ist beschildert. Es gibt ein Mahnmal. Ein Ort aus dem Zweiten Weltkrieg. Not lost.

4.2 Und dann aus der gleichen Zeit das genaue Gegenteil. Ich recherchierte letzten Sommer einen Tag lag und traute mich dann nicht, die Fotos in einem Artikel zu veröffentlichen. Gruselfaktor. 

Hier wurde ein Gelände mit einem historisch einmaligen Lost Place an einen Investor verkauft, der abreißen will und auch wird. 

Es gab eine Initiative, die sich in den letzten Jahren um diesen Lost Place gekümmert hat. Allein, meine Recherche ergab, dass es den Anschein hat, es dieser Initiative mit allen Mitteln schwer zu machen. 

Es kann natürlich alles nur Zufall sein, aber diese 'Zufälle' häufen sich in der Region.  

Hier hilft Verfall, Geschichte zu vertuschen.

Fazit

Manche Wortschöpfungen sind schon eigenartig. Aber vergessen wir nicht, dass das für jede Sprache normal ist. Sie entwickelt sich eben auch. 
Nun, auf manche Wortschöpfungen könnte ich gut verzichten, aber das ist ein anderes Thema. Lost Places allerdings beflügelt meine Fantasie, lädt mich zum Nachdenken ein. Und es stört mich ein wenig, dass ich keine passende Übersetzung finde, die alle Nuancen enthält.
In den Abschnitten habe ich meine in Gang gesetzten Gedanken mitgeteilt. Und ich habe festgestellt, dass dieser für mich vorher neue Begriff, Dinge, Tatsachen besser einordnen lässt.
Und vielleicht folgt ja doch noch der recherchierte Artikel.    


 

Freitag, 14. Februar 2025

Valentinstag - Liebevolle Bräuche mit unklaren Wurzeln

 Am 14. Februar ist es wieder so weit: Es ist Valentinstag. Der Tag für alle Verliebten, Blumenhändler und Pralinenverkäufer. Aber was feiert man da eigentlich genau? Wo liegen die Ursprünge dieses Tages? 



Nun, kaum ein ganz frisch verliebtes Pärchen wird sich diese Frage stellen, sondern die Gelegenheit für einen Extra-Liebesbeweis nutzen. Alle nicht ganz frisch Verliebten wird diese Frage sicher schon einmal durch den Kopf gegangen sein.


Zunächst: Der 14. Februar ist tatsächlich der Tag, an dem eines Heiligen mit Namen Valentinus gedacht wird. Allerdings war der Name in früheren Zeiten sehr häufig, und so gibt es auch mindestens zwei heilige Valentine. Beide haben in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt gelebt und waren Märtyrer. Der eine half verfolgten Christen und erlitt deshalb den Märtyrertod.


Während er auf seine Hinrichtung wartete, freundete er sich mit der Tochter seines Wärters an, soll sie sogar von ihrer Blindheit geheilt haben. Sie wurde daraufhin Christin. Von dieser Freundschaft ist ein Brief-Stück überliefert.


Der andere Heilige wurde in Afrika zum Märtyrer. Beide waren sehr beliebt aber ihre Geschichten haben keinen Bezug zu den heutigen Valentinstag-Bräuchen.


Und in der Tat, der Bezug ist ein anderer. Im Mittelalter feierten der englische König Richard II. und Anne von Böhmen ihre Verlobung in einem Frühjahr.


Für alle Welt berühmt wurde dieser Tag dadurch, dass der populäre Dichter Geoffrey Chaucer zum einjährigen Jahrestag ein Gedicht schrieb. Man nahm jedenfalls an, dass das der Anlass war. Das Gedicht hieß 'Das Parlament der Vögel', das Thema war eine Vogelhochzeit. Ein beliebtes Thema in jener Zeit, denn mehrere Dichter versuchten sich daran.


Warum Chaucer dieses Thema auswählte? Die Vogelhochzeit ist ein Motiv aus alten römischen Feiertagen, die vage mit dem allerersten Frühlingsboten zusammenhängen. Bedenkt man die leichte kalendarische Verschiebung in früheren Zeiten, da es unseren heutigen Kalender noch nicht gab, ergibt sich ein schönes Thema für ein Gedicht zur Feier einer Verlobung im Februar.


Da Chaucer einer der berühmtesten englischen Dichter ist, er ist der Autor der 'Canterbury Tales', ist es kaum verwunderlich, dass sich zunächst im englischen Sprachraum Valentinsbräuche entwickelten. Dabei ging es um Freundschaften und Liebespärchen, die per Losverfahren sich an diesem Tag kleine Geschenke machten, und ähnliche Bräuche mehr. Alles Gesten der Zuneigung von Menschen untereinander.


Diese Bräuche schwappten dann nach Amerika über, wo sich besonders die Tradition der Valentins-Grüße per Postkarte etablierte. Die Beliebtheit des Tages wuchs in den USA stark an und schwappte nach dem Zweiten Weltkrieg mit den US-Soldaten nach Deutschland zurück.


So richtig Fuß gefasst hat er hier im Vergleich zu anderen Ländern weltweit nicht. Trotzdem freuen sich Verliebte auf diesen Tag. Und warum auch nicht? Kleine Gesten der Freundlichkeit sind heutzutage rar gesät. In diesem Sinne einen schönen 14. Februar.


(Ein Text aus dem E-Book 'Quer-gedacht, 36 Essays')

Montag, 13. Januar 2025

Die Bedeutung von Memes anhand eines Beispiels


Politisches Meme: “... und das auch noch.”

  


I Abbildungsverzeichnis



Abb. 1: Meme: “... Und das auch noch.”

Abb. 2: Foto 1, Original für Meme: Traktorprobefahrt mit Ammoniak 

Abb. 3: Foto 2, Original für Meme: Ausritt in Tuvi


II Inhaltsverzeichnis


I Abbildungsverzeichnis

II Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kontext

3. Beschreibung

4. Interpretation

5. Kontextualisierung

VI Literaturverzeichnis

  1. Einleitung


Memes sind aus dem öffentlichen Diskurs, besonders in den sozialen Medien, nicht mehr wegzudenken. “Sie sind ein integrierter Bestandteil von zeitgenössischer visueller digitaler Kultur.” (Bernhardt 2019,5)

Im Gegensatz zu Bildern, die viral gehen (Virals), sind Memes veränderte Bilder, die verbreitet werden. An Xiao Mina definierte Memes so: “A piece of online media that is shared and remixed over time within a community.” (Mina 2019,6)

Da sie ein Teil der täglichen Kommunikation auf Social Media (vgl. Bernhardt 2023, 5) sind, werden auch und vor allem aktuelle Themen angesprochen.

Das besprochene Meme erschien am 5.1.2024 auf Twitter in einem privaten Kanal. Das Meme steht im zeitlichen Zusammenhang der politischen Ereignisse, was zunächst nicht zwingend notwendig erscheint, betrachtet man nur das Bild. Aber Kontext und Zeitgeschehen spielen eine Rolle.

  1.  Kontext


Der (anscheinend private) Twitter-Kanal “Le Legionar” reagiert mit dem Meme auf ein aktuelles Tagesereignis, das in allen Medien besprochen wurde. Bauern blockierten den Fähranleger in Schlüttsiel, so dass eine ankommende Fähre aus Hallig Hooge, auf der sich der deutsche Wirtschaftsminister Habeck befand, sich entschloss, wieder umzudrehen.

Angekündigt waren Bauernproteste ab dem achten Januar schon um die Weihnachtszeit herum. Jeder sollte in Ruhe Weihnachten feiern können, erklärten Bauernvertreter. Doch diese Blockade fand vor dem 8.1.2024 statt, weil an diesem Tage Minister Habeck seinen Urlaub auf Hallig Hooge beendete und mit der Fähre ans Festland übersetzen wollte. Am selben Tag erscheint das Meme.

Was ist darauf zu sehen? Auf einem asphaltierten Platz vor einem parkähnlichen Hintergrund steht ein Traktor. Als Traktorfahrer wurde Putin in das Bild integriert. Im Kontext zum Tagesgeschehen handelt es sich nicht um irgendeinen beliebigen Traktor, sondern er steht als einer für die vielen Traktoren bei der Blockade. Da die deutsche Regierung immer wieder von “Putins Krieg” spricht, gemeint ist der seit 2023 bestehende Krieg zwischen der Ukraine und Russland, wird das Meme zu einem politischen, wenn als Traktorfahrer Putin hinzugefügt wird. 

In einem Beitrag von Foxell wird über die Bedeutung der Photographien von Putin für seine Wahrnehmung besonders in Russland dargestellt. In diesem Beitrag ist das Originalfoto von Putin abgebildet, das für das Meme verwendet wurde. Das Foto ist aus 2009 und der Zusammenhang ist ein ganz anderer. Dieser Umstand verdeutlicht sehr gut die Funktion von Memes. Sie sind in der Regel am Zeitgeschehen sehr nah dran, bis hin zur Tagesaktualität, sie verändern das Original, sie werden erst durch den Kontext vollständig verständlich.

Der Kontext ist in diesem Fall mehrfach gegeben. Einerseits gab es den ganzen Tag über und darüber hinaus Berichte und Videos mit Traktoren, die die Zufahrt zur Fähre blockierten. Betrachter des Memes werden also beim Anblick eines Traktors am 5.1.2024 diese Nachricht assoziieren. Auch Putin ist spätestens seit dem Ukrainekonflikt medial nahezu täglich präsent. Dem Meme-Betrachter sind also durchaus Assoziationen ohne weiteren Kontext zuzumuten. Wie bei der Plattform X (früher Twitter) üblich, wird das Bild aber durch drei Hashtags, Smileys und einem Satz ergänzt, die das Meme eindeutig in das Geschehen einbinden. Hashtags: Habek, Putinkommt, Bauernproteste. Smileys: drei lachende Gesichter. Text: Das auch noch, dagegen ist das ja mit dem Habek uffm Dampfer weniger als nix. 


  1.  Beschreibung


Der Hintergrund des Memes ist eine ruhige, grüne Gegend in einem Industriegebiet oder Ähnlichem. Der Schluss liegt nahe, denn der Hintergrund ist dem eines Produktfotos mit dem Copyright von Amogy/ Bryan Banducci  sehr ähnlich, wenn nicht in Teilen gleich. Dieses Foto ist das Titelbild eines Artikels von Thomas Göggerle (vgl. Göggerle 2022, 1) für Agrarheute. Das Besondere an diesem John-Deere-Traktor ist, dass er mit Tanks und Schläuchen versehen ist, die den Traktor statt mit Diesel mit Ammoniak antreiben. Göggerle berichtet, dass es sich um ein amerikanisches Start-up Projekt handelt (vgl. ebd.). Es ist also kein Zufall, dass dieser Traktor für das Meme verwendet wurde. Ausschlag für den Bauernprotest ist ja das Aus für den Agrardiesel und die KFZ-Steuerbefreiung für Landwirte. 

Auf dem Meme sieht man sehr deutlich, dass Putin aus einem anderen Bild hinzugefügt wurde. So ist ein Steigbügel zu erkennen, und Putin sitzt nicht im Traktor, sondern quasi “davor”: Das Bein im Steigbügel berührt die Einstiegsstufen des Traktors. Die Hände mit den Zügeln erreichen gerade eben nicht das Lenkrad.

Putin trägt bis zur Wade reichende Wanderstiefel, Outdoor Hosen, eine Kette und eine Sonnenbrille. Sein Oberkörper ist frei. Diese Bekleidung wurde bewusst gewählt. Foxall beschreibt genau, wie das Foto, das zu einer Serie gehört, zustande kam, und welche Hintergründe es gibt. 


  1. Interpretation


Dass Kleidung immer auch eine Aussage des Tragenden ist, selbst wenn die Person sagte, sie wolle mit ihrer Kleidung nichts aussagen, erklärt Joshua Miller in “Fashion and Democratic Relationships” sehr gut. Putin hatte für die Fotos von ihm Fotografen zu seinem Sommerurlaub eingeladen. Hier wurde also bewusst das Setting und auch die Kleidung ausgewählt. Foxalls Titel wurde nicht umsonst “Photographing Vladimir Putin: Masculinity, Nationalism and Visuality in Russian Political Culture” gewählt. Er begründet seine Überschrift sehr gut im folgenden Text. Putins Kleidung während der Fotoaufnahmen im Urlaub in Tuva beschreibt er treffend so: “In most of the photos, Putin wears military-style clothes and boots, his eyes hidden behind reflective sunglasses.” (Foxall 2005, 15) und zieht einen Vergleich zu Indiana Jones (ebd.). Für das Meme wurde nur die Person ohne Hintergrund verwendet.

Der Indiana-Jones-Vergleich ist eine gute Überleitung zur interpretativen Einordnung des Memes. Die maskuline, “Indiana Jones-ähnliche” Kleidung und Umgebung sind das am ehesten passende Äquivalent zum Bauern während der Protestaktion Anfang Januar.

Auch wenn der Hintergrund des ursprünglichen Fotos des John-Deere-Traktors schwieriger hätte verändert werden können, weshalb er belassen worden ist, passt die ruhige, teils grüne Umgebung in gewisser Weise besser zu der Berglandschaft in Tuva, wo Putins Fotos entstanden waren, als eine belebte Innenstatdtstraße. Wie schon erwähnt, liegt es nahe, dass das Testgelände, auf dem die Demonstrationsfahrt des umgebauten Traktors stattfand, auf den Fotos zu sehen ist (vgl. Göggerle 2022,1).


  1. Kontextualisierung

   

Der Traktorfahrer Putin und der Landwirt Hand in Hand? Die Smileys in dem Tweed zeigen mit den lachenden Gesichtern, dass das Foto mit Humor gesehen werden darf. Auch das ist eine Seite von Memes (vgl. Bernhardt 2023, 5). Genauso wie Indiana Jones eine fiktive Filmfigur ist, ist die fotografische Auswahl der Bildmotive und Settings während Putins Urlaub teilweise auch fiktiv, denn natürlich wurden diese Fotos vorher genau besprochen, sie gehören zur gesamten visuellen Darstellung Putins als Politiker, sind aber nur ein Ausschnitt davon. Und natürlich sind bei den Urlaubsbildern die Fotografen nicht objektiv. Putin soll nicht negativ dargestellt werden.

Dennoch spielen die fotografisch dargestellte männliche Kraft und die Kraft der Traktoren im Meme eine Einheit her. Der Bezug des Memes zum Bauernprotest wurde eindeutig hergestellt, einmal durch den Hashtag selbst und durch den Traktor mit dem Ammoniaktank.


Abbildung 1: Meme: “... und das auch noch.”

Abb. 1: https://x.com/LeLegionar/status/1743343711314993606?s=20


Dass für das Meme dieser besondere Traktor mit den Ammoniaktanks gewählt wurde. Ammoniak wurde mit diesem Traktor als Alternative für Diesel getestet, um den CO2-Ausstoß zu verringern. Dies ist ein Ziel der Regierung. Zieht Putin als Traktorfahrer dieses Modells mit? Andererseits, wo wäre dann der Witz, die Bedeutung des Memes?

Nein, vielmehr kommt das Meme durch die Verwendung gerade dieses Fotos ganz ohne Worte aus. Das politische Thema um Diesel und CO2-Ausstoß wird durch die Tanks und Schläuche deutlich.

Putin ist somit den Bauern als Traktorfahrer gleichzusetzen.

Und diese Traktorfahrer haben an jenem Tag durch ihre große Anzahl im Gegensatz zu dem kleinen Fähranleger gezeigt, wie wichtig ihnen ihr politisches Thema ist. Einsparungen bei den Bauern, wo nichts mehr einzusparen ist. Ein Gespräch mit der Regierung wird gesucht, dessen Vertreter lieber wieder ablegt als zu reden (Am Folgetage verbreiteten sich Augenzeugenvideos vom Ablauf nicht ganz viral). Durch die Ankündigungen nicht überraschend, setzten sich die Proteste bundesweit fort. Andere Berufsstände beteiligten sich. Es zeigt sich, wiederum auch durch die Masse an Traktoren, dass es hier um mehr geht, als “nur” um eine Steuer oder den Agrardiesel. Die Menschen protestieren gegen das Verhalten der Regierung ihnen gegenüber.

Hier zeigt das Meme seine besondere Bedeutung als visuelles Element. Tagesaktuell kann eine eigene politische Meinung oder Stellungnahme zu einem Thema bildlich dargestellt und verbreitet werden. Je nach Reichweite des Kanals und Beliebtheit des Memes verbreitet sich das Meme. Und je nach Reichweite sind seine Einflussmöglichkeiten. Vor allem ist es eine Möglichkeit, sich durch Ironie und Satire über Politiker, aber auch Situationen, lustig zu machen (vgl. Bernhardt 2023, 4). Es ist auf diese Weise möglich, am politischen Diskurs teilzunehmen. 



Abbildung 2: Original für Meme 1:  Traktorfahrt mit Ammoniak

Abb. 2: Screenshot: https://www.agrarheute.com/technik/traktoren/john-deere-traktor-tankt-duenger-keine-emissionen-594426 


Abbildung 3: Original für Meme 2: Ausritt in Tuva

Abb. 3: Putin beim Ausritt in Tuva 2009.

https://images.app.goo.gl/kT6yoBKHixJMHkKL9

VI Literaturverzeichnis



  • Bernhardt, Petra; Liebhart, Karin; Pribersky, Andreas (2019): Visuelle Politik: Perspektiven eines politikwissenschaftlichen Forschungsbereichs. 2019. DOI 10.15203/ozp.2961.vol48iss2

  • Bernhardt, Petra (2023): Political Memes.

  • Foxall, Andrew (2013): Photographing Vladimir Putin: Masculinity, Nationalism and Visuality in Russian Political Culture. Routledge Taylor & Francis Group.

  • Göggerle, Thomas (2022): John Deere-Traktor tankt Dünger - keine Emissionen. agrarheute. 

  • Miller, Joshua I. (2005): Fashion for Democracy. Northeastern Political Science Association 2005.

  • Mina, A. (2019): Memes to movements: How the world's most viral media is changing social protest and power. Beacon Press.

  • Tagesschau (2024): Tagesschau vom 05.01.2024. (Nur ein Ausschnitt der Berichterstattung)

  • https://x.com/LeLegionar/status/1743343711314993606?s=20

  • http://premier.gov.ru/eng/visits/ru/6122/events/4678/photolents.html

  • Zidani, Sulafa (2022): How to Conduct Internet Meme Research. SAGE Publications, Ltd.. https://doi.org/10.4135/9781529609714 

Samstag, 24. August 2024

Und dann wurde es still

Syelle Beutnagel, 3 Min.


 Kein Tagesgedicht gefunden diese Woche? Daran liegt's.

Stopp - Pausengründe
Foto von Josh Hild

In einer Rubrik 'Tagesgedichte' sollte täglich ein Gedicht erscheinen. Was aber, wenn eine Pause entsteht?

Natürlich ist die Verunsicherung groß. War's das jetzt? Kommt da noch etwas? Hat wohl aufgegeben.

Ja, das ist naheliegend und diese Gedanken fliegen mir als Leserin auch sofort durch den Kopf. 

Aber immer öfter ertappe ich mich dabei, innezuhalten, stopp zu sagen und zu überlegen: Vielleicht ist ja etwas dazwischen gekommen.

Wir sind alle nur Menschen, und nicht jeder teilt öffentlich seine Urlaubspläne mit. Seine Unpässlichkeiten auch nicht, oder? Und bei Termindruck hat man andere Sorgen als diesen öffentlich zu machen.

Und wieviel andere Gründe kann es für eine Unterbrechung einer Rubrik geben?

Sicher, heutzutage ist es einfach, vorzuarbeiten. Auf vielen Plattformen kann man mittlerweile die Veröffentlichung terminieren. Wunderbar.

Nur passt das für meine Rubrik des Tagesgedichts nicht so ganz.

1. Ein Stück Authentizität würde bei den Gedichten verloren gehen.

2. Für mich persönlich ist das Tagesgedicht der Start in den kreativen Alltag.

Da genau liegt der Haken. 2024 ist durch große Veränderungen geprägt. Verschiedene Tagesabläufe werden getestet, verworfen, für gut befunden. Veränderungen sind nie leicht, erfordern oft große Kraftanstrengungen und auch Mut.

Ja, ich weiß, es ist unbequem, nicht seine tägliche Routine zu haben. Schließlich leben wir in unruhigen Zeiten und jeder will das bisschen Sicherheit, die Routine bietet, behalten. 

Aber so ist das Leben eben oft nicht. Ausprobieren, 'spielen',  zuhören, akzeptieren, respektieren gehören auch dazu.

Nur all zu oft wird es heutzutage üblich, Grenzen zu überschreiten. Ich, ich, ich bin wichtig. Der, dessen Grenzen gerade eben überschritten worden, wird das anders sehen. Und auch hier gilt dann, ein Stopp zu setzen. Pause machen, verarbeiten.

Begreifen, dass Schreiben zum Glücklichsein dazu gehört. Stopp.


Dienstag, 2. April 2024

Mein "Titanic-Moment"

 Ja, manchmal kommt so ein großer Moment ganz unscheinbar daher...


Da kam mir letzten Freitag etwas in den Sinn und zwei Stunden später machte ich mich auf den Weg. Eine Auszeit nehmen war dringend nötig, das Wie und Wohin war  die Frage gewesen.


Die Idee

Ich erinnerte mich an Orte, die mich glücklich gemacht hatten. Einen konnte ich auf der Landkarte nicht wiederfinden, einer war gar nicht weit entfernt. Also ging es los. Trotz der Jahre erinnerte ich mich noch ziemlich gut. Ich überließ mich den Erinnerungen, und trotz der über den zehn Jahren dazwischen fand ich sofort hin.

Ende im Gelände

Nicht gleich fand ich mich bei den Veränderungen zurecht. Da war ein einfacher Zaun um den Parkplatz, Wohnmobile und Campingzelte. Wir waren damals nur mit einem Auto und einem Grill gekommen.

Meine Hündin und ich erkundeten den Platz: Alles so vertraut und doch so fremd...

Dann erklärte man mir, dass die Straße weiter runter noch ein Taucheinstieg war. Ich fuhr los.

Durch unbekannte Wochenendhäuschen führte die Sackgasse. An deren Ende stand eine verlassene Halle. Ich stoppte, stieg aus.


Remembering

Wie in dem Titanicfilm, wenn von der Gegenwart in die Vergangenheit geschwenkt wird und das Wrack zu neuem Leben erwacht, erging es mir beim Anblick dieser leerstehenden Halle mit zerbrochenden Festerscheiben und abbröckender Farbe. Die alte Tauchbasis stand vor mir. Ich wusste noch genau, wie wir in die Halle gegangen waren und uns angemeldet hatten, wo ich meinen Tauchanzug angezogen hatte, wie das Wetter gewesen war. Erwartungsvoll ging ich zum Taucheinstieg am See.


Veränderungen

Wie die Halle, so hatte sich auch das Ufer verändert. Wir verweilten im Gelände. Meine, mittlerweile blinde, Hündin konnten das Umherstromern genießen. Ich hing meinen Gedanken und Gefühlen nach.

'Wie lange alles schon her war. Und was sich seitdem alles in meinem Leben verändert hatte! Mir war gar nicht bewusst geworden, welchen Sprung in ein neues Leben ich verwirklicht hatte.' Das sollte mir  bis zum Abend nicht mehr aus dem Kopf gehen. 

Ich fand am Seeufer eine flache Stelle mit Kiesschotter. Ich setzte mich in die Hocke und sann nach. Meine Hündin spielte mit Kies und Wasser. An so einer Stelle war damals der Einstieg ins Wasser gewesen. Ich sah über die Wasseroberfläche hinweg, ließ meinen Blick langsam wie meine Gedanken in der Erinnerung über den See gleiten - Es war herrlich. Herrlich gewesen und auch im Moment. Aber jetzt war eine andere Zeit. Und das war wunderbar so!

Und wie die alte Dame am Ende des Films ihre Kette mit dem Edelstein ins Meer gleiten lässt, lasse ich diesen Teil meiner Vergangenheit in die Wasser des Sees gleiten.


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