Dienstag, 3. März 2026

Die Last der Maske

 Der Applaus war verklungen; die Leute hatten das Theater verlassen. Yvonne saß jetzt vor ihrem Spiegel mit den Glühbirnen am Rand in ihrer Garderobe und war im Begriff sich abzuschminken. Da blieb ihr Blick an ihrem Spiegelbild hängen.
Ihr lagen noch die immer stiller werdenden Klänge ihres gerade erst verklungenen Duetts in den Ohren, der tosende Applaus nach dem letzten Ton, dem Schließen des Vorhangs und einer Minute absoluter Stille. Der Applaus für Aida, für sie, für ihre Stimme, für ihr Gesicht. 
Die Schminke musste endlich ab! Die Maske legte zwar ihren Aida-Look auf, aber Yvonne schminkte sich lieber alleine ab. Denn dann kam unweigerlich dieser Moment, dieser Augenblick, in dem sie sich wieder ganz in Yvonne verwandelte, und das konnte sie selten aushalten.
Sie arbeitete sich langsam von der Stirn, über die Schläfen zu den Wangen und Kinn voran.
"Wo habe ich nur meine Gesichtscreme hin verlegt?" Yvonne kramte in einer Schublade ihres Frisiertisches. Ihre Hand blieb dabei an etwas hängen. Sie zog es heraus und ihr Gesicht verzog sich zu einem traurigen Lächeln. Der Mann auf dem Foto lächelte sie bewundernd an, und sie waren so glücklich gewesen. Sie wendete das Foto. Auf der Rückseite stand: Für dich. 
Yvonne sah aus den Augenwinkeln in den Spiegel: Ja, heute kann ich mich einmal gut leiden.




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

eBook-Katalog von Smoothie Cat Launebücher

eBook-Katalog von Smoothie Cat Launebücher

 Klicke hier , um den Katalog zu öffnen. https://drive.google.com/file/d/1nEThgofzdweaMZWeozmNbsBjep8c4Wh6/view?usp=sharing