Samstag, 18. April 2026

#KurzgeschichtenamFreitag: Albträume zweierlei Art

 Ich war vier Jahre alt, aber wer kann sich schon noch genau an diese frühe Zeit seines Lebens erinnern? Fakt ist, laufen konnte ich schon, Kindergarten gab's damals nicht, und die Grundschule winkte noch aus weiter Ferne.
Bei einem anderen, einprägsamen Ereignis weiß ich genau, dass ich vier Jahre alt war, aber von dem soll heute nicht die Rede sein. Nehmen wir also an, ich war vier.
Zeit meines Lebens träumte ich viel. An diesem späten Abend wachte ich davon auf. Ich stand auf und machte mich auf den Weg, meinen Vater oder meine Mutter zu suchen. Zunächst hörte ich rein gar nichts, woraus sich schließen ließe, in welchem Zimmer sie sich aufhielten. Also begann ich mit der Suche in der Küche.
Ich öffnete verschlafen die Tür und betrat den Raum. Auf dem Küchentisch schien etwas zu liegen, das interessierte mich. Schlaftrunken tappte ich hin. Ich streckte meinen Arm aus, um es berühren zu können. Da rauschte mir etwas über den Kopf. Ich erschrak zu Tode, lief zur Tür zurück, knipste das Licht an. Da lag ein toter Bussard auf dem Küchentisch, dessen Flügel seitlich den Tisch herunterhing. Ich rannte ins Bett zurück, zog die Bettdecke über den Kopf und vergrub mich bis zur Unsichtbarkeit.
Morgens hörte ich fröhliche Stimmen und Klappern von Frühstücksgeschirr aus der Küche. Vorsichtig schlich ich mich zur halboffenen Tür. Alles normal, der Vogel war weg. Ich ging zu meinem Platz.
"Ich fahre nach dem Unterricht noch zum Tierpräparator und bringe den Bussard dorthin. Warte nicht mit dem Essen auf mich," verkündete mein Vater, sich sicher seiend, dass ich nicht wüsste, was ein Tierpräparator sei. Wusste ich auch nicht. Bis dahin.


Foto: Veronika Andrews


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