In meinem Blogbeitrag über Gedichtinterpretation wurde sie benannt und als notwendig zur Interpretation erachtet: die GEDICHTFORM. Aber welche gibt es denn?
In diesem Blogartikel werde ich sie vorstellen. Form für Form werde ich anfangen, und erst, wenn ich meine, die Liste ist fertig, streiche ich diesen Satz. Bis dahin ergänze ich diesen Artikel immer wieder. Los geht's!😍
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Versmaße
Zu Beginn häufige Versmaße, die in Versen und Gedichten Anwendung finden.
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Alexandriner
Der Alexandriner ist ein Versmaß, das ursprünglich aus Frankreich stammt, aber auch in Deutschland epochal gerne verwendet wurde. Aus diesem Grund gibt es zwei ähnliche Definitionen.
In Frankreich besteht der Vers aus zwölf Silben mit einer Zäsur nach der sechsten, also in der Mitte.
In Deutschland besteht der Vers aus sechs Iamben mit der Zäsur nach der dritten Hebung.
Ausschlaggebend ist die Zäsur in der Versmitte, die natürlich inhaltlich interessante Möglichkeiten bietet.
Beispiel (Andreas Gryphius):
Es ist alles eitel (1. Strophe)
Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
Wo jetzt noch Städte stehen, wird eine Wiese sein.
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.
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Endecasillabo, italienisch, oder Endecasílabo, spanisch
Klassisches Versmaß aus Italien und Spanien. Grundsätzlich besteht ein Vers dabei aus elf Silben, minimale Abweichungen haben sich daraus entwickelt. Formgebend ist vor allem die Betonung innerhalb des Verses. Während im Hexameter, Pentameter und Alexandriner Zäsuren eine Rolle spielen, sind hier die Betonungen, wobei diese niemals genau in der Versmitte sein soll. Davon abgesehen, gibt es aber viele Varianten. __________________________________________________________________________________
Settenaro
Ein weiteres klassisches italienisches Versmaß, das aus sieben Silben besteht. Dabei ist die Betonung, die auf dem letzten Wort liegt von der Bedeutung, wie viele Silben es tatsächlich sind (endbetont, dreisilbig: erste Silbe betont, mehrsilbig: vorletzte Silbe betont. Die Betonung spielt im Settenaro also eine genauso große Rolle wie beim Endecasillabo.
Möglich ist auch eine Betonung von der ersten bis vierten Silbe.
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Hexameter
Siehe unter Distichon.
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Pentameter
Siehe unter Distichon.
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Iambus, Trochäus, Anapest, Daktylus
Bei diesen Begriffen handelt es sich um noch kleinere Einhalten als das Versmaß. Ein Versmaß aus ihnen wäre zum Beispiel der fünfhebige Iambus, der im Deutschen sehr beliebt ist, oder der sechshebige Iambus, womit die deutsche Form des Alexandriners wiedergegeben wird.
Ansonsten kann man damit zusammengesetzte Verse oder Gedichtformen wie zum Beispiel Ode und Limerick, beschreiben. Es geht immer um betonte/ unbetonte Silben.
Iambus: ~ -
Trochäus: - ~
Anapest: ~ ~ -
Daktylus: - ~ ~
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Ballade
Gedicht, das eine Geschichte erzählt. Meistens in mehreren Strophen, die ein Reimschema haben können, aber nicht müssen.
Zwei Beispiele:
Von Katzen von Theodor Storm und Erlkönig von Johann Wolfgang von Goethe
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Ode
Die Ode ist eine Gedichtform aus dem antiken Griechenland. Sie besteht aus vier Zeilen, bei der jede Zeile durch eine Abfolge von Versfüßen genau festgelegt ist.
Die Ode eignet sich gut als Strophenform.
Es gibt drei antike Odenformen, deren Versbau sich leicht unterscheiden: sapphisch, alkäisch, asklepiadeisch.
Beispiel (sapphische Ode):
Amors Pfeile treffen gefährlich schmerzlich.
Sie berührten mich, als ich erstmals dich sah.
Es entgleiten mir die Gefühle, schwinden
Mir die Sinne -
Aber Aphrodite vermindert Schmerzen,
Säumet nicht, Liebesverglühen träglich
Zu verwandeln, trennet die Fäden in
Ewige Sterne.
(aus: Beutnagel, Syelle: Kastors Rosen, 2005, S. 35)
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Stanze
Eine Stanze besteht aus acht Zeilen, die dem Reimschema abababcc. Das Versmaß ist der fünfhebige Iambus. Die Stanze kann als Strophenform verwendet werden. Der Ursprung ist Italien, wo das Versmaß der Endecasillabo ist.
Beispiel:
Dämmerung, ursprünglich: Stanze vom Teide
Um jene Kuppe kam ich grad gebogen,
Da meine Augen glühten auf im Licht:
Der Abend war so friedlich aufgezogen.
Die Wolken über'm Tal, man sah es nicht,
Ein feiner Schleier um den Wald gewoben,
Darüber aber nur noch weite Sicht,
Als strahle hier die Liebe in die Welt
Grad wie die Abendsonne übers Feld.
(aus: ebd., S. 58)
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Varianten der Stanze: Nonarime, Hiutain, Siziliane
Während die Stanze sich etabliert hat, gibt es drei Varianten dieser Gedichtform, die weniger bekannt bis selten sind. Sie werden im Folgenden beschrieben.
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Huitain
Der Huitain ist eine besondere Form der Stanze, die aus Frankreich stammt. Er besteht ebenfalls aus acht Versen mit drei Reimen, allerdings ist das Reimschema anders. Der Huitain besteht aus zwei Quartetten, wobei das zweite Quartett den zweiten Reim aus dem ersten Teil wieder aufgreift: abab bcbc
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Nonarime
Die Nonarime ist eine um einen Vers erweiterte Stanze, allerdings mit dem ursprünglichen Versmaß, dem Elfsilbler. Der letzte Vers folgt dem Reim des zweiten Verses.
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Siziliane
Die Siziliane, ist die Stanzenform, die auf Sizilien entstanden ist. Sie unterscheidet sich darin, dass es nur zwei Reime gibt. Das Reimschema lautet: abababab
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Akrostichon
Ein Akrostichon ist mehr ein Wortspiel als Lyrik. Ein Thema in einem Wort. Dieses Wort wird links Buchstabe für Buchstabe untereinandergeschrieben. Jeder Buchstabe wird so zu einem Versanfang. Jeder Vers beginnt mit einem Wort oder Satz passend zum Thema und mit dem Anfangsbuchstaben beginnend.
Beispiel:
Leidenschaft
Idealistisch
Erotisch
Beiderseits
Einheit
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Clerihew
Diese Gedichtform ist tatsächlich nach seinem Erfinder benannt worden. Der britische Schriftsteller Edmund Clerihew Bentley lebte von 1875 bis 1956. Der Inhalt ist lustig. In der erste Zeile wird eine (historische) Persönlichkeit genannt, über die dann in den folgenden Zeilen eine schrullige, nicht böswillige Seite erzählt wird.
Es handelt sich um einen Vierzeiler mit zwei Reimpaaren: aa bb .
Beispiel von Edmund Clerihaw Bentley):
The people of Spain think Cervantes
Equal to half-a-dozen Dantes;
An opinion resented most bitterly
By the people of Italy.
Edmund Clerihaw Bentley veröffentlichte seine erste Verssammlung 1905 unter dem Titel „Biographie für Anfänger“. Ein humorvoller Name für eine Sammlung von Kurzgedichten. Schon bald nach der Veröffentlichung der "Biographie für Anfänger" wurde der Name „Clerihew“ für seine erfundene Gedichtform übernommen.
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Dezime
Die Dezime ist eine Strophenform. Ihre Ursprünge liegen in Spanien.
Eine Dezime besteht aus zehn Versen. Jeder Vers besteht aus acht Silben. Das Reimschema lautet:
abbaa ccddc
Beispiel (A. W. Schlegel):
Zwei Weisen. Von Frau B*
Blumen, ihr seid stille Zeichen,
Die aus grünem Boden sprießen,
Düfte in die Lüfte gießen,
So das Herz zur Lieb' erweichen.
Dennoch mögt ihr nicht erreichen
So das Herz, den Schmerz versöhnen,
Enden alles Leid und Stöhnen,
Daß ihr könntet als Gedanken
In den grünen Blättern schwanken:
Liebe denkt in süßen Tönen.
Das ist nur die erste Dezime/ Strophe des Gedichts. Uhland fasst alle vier letzten Verse einer jeden Dezime des Gedichts zu einer Eingangsstrophe seiner Glosse (siehe weiter unten) zusammen. In den folgenden vier Strophen seiner Glosse werden die vier Verse wieder zu Endversen seiner Strophen / Dezimen.
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Distichon
Das Distichon ist ein Zweizeiler, dessen Form in der Antike entstanden ist.
Die erste Zeile besteht aus einem Hexameter, die zweite Zeile aus einem Pentameter.
Ein Hexameter ist ein sechshebiges Versmaß, das aus fünf Daktylen und einem "halben" besteht, der immer unbetont endet. Ein Daktylus kann dabei durch zwei lange Silben ersetzt werden, also statt lang, kurz kurz - lang, lang. Theoretisch ist das für alle fünf Daktylen möglich, macht aber sprachlich und rhythmisch eher selten Sinn.
´- ~ ~ ´- - ´- ~ ~ ´- ~ ~ ´- - ´- ~
Will man beim laut Lesen der Betonung und nicht dem Inhalt folgen, ergibt sich ein Walzerrhythmus: Eins, zwei, drei. Eins, zwei, drei. ...
Der Pentameter ist dem Hexameter ganz ähnlich. Nur ist bei ihm die Zäsur in der Versmitte vorgegeben, der Hexameter handhabt seine zwei möglichen Zäsuren freier. Außerdem endet der Pentameter immer betont und zwar mit dem sechsten Fuß (eines Daktylus). Die Zäsur befindet sich beim dritten Versfuß, der aus nur der ersten, betonten Silbe besteht. Der vierte Versfuß folgt sogleich.
´-~ ~ ´- ~ ~ ´- ´- ~ ~ ´- ~ ~ ´-
Ein Distichon kann als Einzelgedicht, zum Beispiel als Epigramm stehen, oder als Versmaß für längere Gedichte, wie zum Beispiel eine Elegie, verwendet werden.
Beispiel (Friedrich Schiller):
Das Distichon
Ím Hexámeter stéigt des Spríngquells sílberne S´äule,
Ím Pentámeter dráuf | f´ällt sie melódisch heráb.
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Drápa
Ein Drápa ist ein nordisches Heldengedicht oder auch Lobgesang. Typischerweise wird der Drottkvætt als Versmaß verwendet. Dabei handelt es sich um ein sehr streng festelegtes Versmaß, das mehr einem Strophenaufbau als einem Versmaß gleicht.
Typisch sind Stäbe = Alliterationen, Binnenreime und Kenningar = festgelegte Metaphern der nordischen Sprache.
Das Drápa gehört zur Skaldendichtung, ist also fester Bestandteil der altnordischen Dichtung. Dràpur wurden bis in die frühchristliche Zeit hinein verwendet, aber seltener aufgeschrieben. Ihre Wirkung reicht bis heute in die nordische Lyrik hinein, verwendet werden Dràpur in ihrer ursprünglich festgelegten Form nicht mehr.
Da der Aufbau streng an die Sprache gebunden ist, die heute aber keiner mehr spricht (genauso wie das Althochdeutsch), gebe ich hier kein Beispiel, verweise aber auf Wikipedia, wo ein Beispiel im Eintrag zu finden ist.
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Elegie
Eine Elegie ist ein Gedicht mit traurigem Inhalt. Ihre Form entstand in der Antike, wo sie immer im Versmaß des Distichon geschrieben wurde.
Beispiel (Friedrich Schiller):
Der Spaziergang
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Elfchen
In der Gedichtform des Elfchens ist die Wortanzahl pro Vers genau festgelegt. Das ganze Gedicht besteht aus elf Wörtern.
1. Vers ist das Thema./ 1Wort
2. Vers Beschreibung des Themas. / 2 Worte
3. Vers ist eine Handlung. / 3 Worte
4. Vers dein Gefühl dazu. / 4 Worte
5. Schlusswort. /1 Wort
Beispiel
Pizza.
Belegter Teigboden.
Knusprig überbackener Belag.
Zergeht auf der Zunge.
Lecker!
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Epigramm
Ursprünglich war ein Epigramm lediglich eine Inschrift oder eine Beschriftung. Dementsprechend war sie immer kurz. Später änderte sich ihr Inhalt und damit festigte sich auch ihre Form. Ein Epigramm besteht aus (i.n.R.) einem Distichon. Die beiden Zeilen haben einen entgegengesetzen Inhalt. Das Thema ist entweder Spott oder es handelt sich um ein Sinngedicht.
Beispiel (Friedrich Schiller):
Das Ehrwürdige
Ehret ihr immer das Ganze, ich kann nur Einzelne achten,
Immer in Einzelnen nur hab ich das Ganze erblickt.
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Ghasel
Ein lyrische Gedichtform, die aus Persien und benachbarten Ländern stammt. Dort hat sie eine uralte Tradition. Thema ist in der Regel die sinnliche oder spirituelle Liebe. Im 19. Jahrhundert wuchs das Interesse an Persien in Europa, und so wurde das Ghasel auch in Deutschland bekannt. Aber erst hier erhielt es seine strenge Form für sowohl Versmaß als auch Reimschema.
Ein Ghasel setzt sich zunächst aus aus zwei Halbversen zusammen, die sich reimen. Eine Sonderform ist, dass diese zwei Halbverse schon auf dasselbe Wort enden.
Nicht notwendig aber häufig angewendet ist, dass nun weitere Halbverse folgen. Beliebt sind sieben solcher Halbverse. Dabei nimmt jeder zweite Teil des Halbverses dessen Reim oder das letzte Wort des allerersten zweiten Teils des Halbverses auf.
aa ba ca da ea fa ga
a = Wort oder Reim
b, c, d, e, f, g sind eigentlich keine Reime = x, sie veranschaulichen die Anzahl sieben als Durchschnittsanzahl
Beispiel (Renate Golpon):
Der Rose Bitte
Die Rose sprach: Ich bin 'ne Knospe noch.
Pflückst du zu früh mich, dann verwelk ich doch!
Lass eine Weile mich am Stengel sein.
Mit meinem Busch füll ich im Beet ein Loch.
Wenn ich beim Aufblühn bin, dann pflück mich sacht.
Ich nehm in Kauf dann auch das Vasenjoch!
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Glosse
Da musste ich jetzt ganz schön weit zurückdenken. Bei dem Worte 'Glosse' denkt man üblicherweise zuerst an die journalistische Textart. In der spanische Literatur gibt es aber auch die Glosse oder Glosa.
Sie besteht aus einer vierzeiligen Eingangsstrophe, die das Thema vorgibt. Es folgen vier Strophen, die aus Dezimen besteht. Jede Dezime endet mit der entsprechenden Zeile der Eingangsstrophe. Zur Strophenform der Dezime siehe oben.
Beispiel (Ludwig Uhland):
Süße Liebe denkt in Tönen
...
Mit der Eingangsstrophe bezieht sich Uhland auf eine Glosse von A. W. Schlegel: Zwei Weisen: Liebe denkt in süßen Tönen. Dieser Vorgehensweise - oder auch die wörtliche Übernahme - in der Eingangsstrophe ist für die Glosse üblich.
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Haiku
Das Haiku entstammt der japanischen Tradition, blühte aber vor einigen Jahrzehnten auch in Deutschland auf (ähnlich dem Tanka, siehe unten).
Das Haiku ist ein Kurzgedicht, das aus drei Zeilen besteht, dessen Zeilen aus einer festgelegten Silbenzahl besteht:
5 Silben
7 Silben
5 Silben
Die Kürze des Gedichts - ein Haiku besteht niemals aus mehreren Strophen - zwingt zur Komprimierung des Gedankens. Ein Vergleich zu den Grundzügen der japanischen Tuschmalerei kommt mir immer in den Sinn.
Beispiel (Udo Wenzel):
Sonnenuntergang
Die leuchtenden Gesichter
verblassen wieder.
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Senryu
Das Senryu ist mit dem Haiku verwandt. Die Struktur - 3 Zeile, 5/7/5 Silben - ist gleich, aber nicht ganz so starr. Im Inhalt liegt der große Unterschied: Während das Haiku naturbezogen, erhaben ist, ist das Senryu heiter, ironisch, satirisch, dem Menschen zugewandt.
Die Gedichtform ist nach dem japanischen Dichter Karai Senryu benannt.
Schon durch die Unterschiede der japanischen Sprache mit der deutschen ergeben sich Unterschiede in der Art der Silbenzählung. Während aber das Haiku in Deutschland populär wurde, blieb das Senryu eher unbekannt.
Beispiel (Sandra Martyres):
Gold fish swim around
the glass fish tank peacefully
teasing greedy cats
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Tanka
Das Tanka ist eine sehr alte japanische Gedichtform. Aus dem Tanka entwickelte sich das Haiku. Das Tanka besteht aus fünf Zeilen, deren Silbenzahl festgelegt sind. Ein Tanka teilt sich in zwei Teile auf, die man auch Oberstollen (die ersten drei Zeilen) und Unterstollen (die letzten zwei Zeilen) nennt. Sowohl beim Tanka als auch beim Haiku gibt es keine Reime. Die Themen sind gleich und spielen immer in der Gegenwart.
5 Silben
7 Silben
5 Silben
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7 Silben
7 Silben
Beispiel (Marget Buerschaper):
Blätter und Knüppel
unterm Kastanienbaum
am frühen Mittag:
Kinder warten nicht gerne,
bis der Herbst die Früchte fällt.
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Hymne
Als Ursprung der Hymne kann man tatsächlich den großen Sonnenhymnus des Echnaton an Aton bezeichnen. Ansonsten ist eine Hymne ein Lobgesang auf Götter oder Heroen in der griechischen Antike, in der römische Antike können auch Lobpreise auf Gewinner in Wettkämpfen.
Die Form der Hymne ist frei, wobei in der griechischen Antike der Hexameter gerne bevorzugt wurde.
Beispiel (Echnaton):
Schön erhebst du dich
Am Horizonte des Himmels,
Lebender Aton,
Mit dem alles Leben beginnt.
Bei deinem Aufgang im Osten erfüllst jedes Land du
Mit Schönheit.
Fürwahr: Gütig bist du und groß,
Hochstrahlend ob allem Land.
Deine Strahlen umarmen die Erde
Bis zum Rand der Schöpfung.
Denn du bist Re.
.......
(Auszug)
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Lied
Ein Lied ist eine Gedichtform in Strophen. Die Struktur des Liedes eignet sich oft gut zur Vertonung, das muss aber nicht sein.
Ein Lied besteht aus kurzen Versen. Das Versmaß ist häufig der drei- oder vierhebige Iambus, kann aber auch der Trochäus sein. In Friedrich Schillers Lied von der Glocke wechseln sie sich von Strophe zu Strophe ab.
Das Lied ist immer gereimt, allerdings gibt es keine feste Vorgabe bezüglich Reimschema oder Strophenlänge. Beliebt ist eine vierzeilige Strophe mit Kreuzreim. Dieser Lieder lassen sich besonders gut vertonen. Bei Schillers Lied von der Glocke aber bestehen die trochäischen Strophen aus acht Versen mit dem Reimschema ababccdd. Die iambischen Strophen variieren in ihrer Länge.
Als Beispiel soll ein Gedicht dienen, dass dann vertont wurde und inzwischen ein Volkslied geworden ist.
Beispiel (Matthias Claudius):
Abendlied
Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
Der weisse Nebel wunderbar.
Wie ist die Welt so stille
Und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.
(Zwei von sieben Strophen. Übrigens mein Lieblingslied. Ich habe es oft meinen Zwergkaninchen zur guten Nacht vorgesungen.)
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Kanzone
Die Kanzone ist die italienische Variante des Liedes, und doch ist da ein geschichtlicher Unterschied in der Entstehung: Während in Deutschland die Entstehung des Gedichtes und dessen Vertonung durchaus kein zeitlicher Zusammenhang bestehen muss, wurde die Kanzone zuerst geschrieben, um gesungen zu werden, erst im Laufe der Zeit, wurde sie nur noch gelesen.
Die Kanzone besteht wie das Lied aus Strophen, die allerdings anders aufgebaut sind. Das Versmaß ist oft aber nicht zwingend eine Abwechslung von Endecasillabo und Settenaro. Eine Kanzone besteht aus drei bis sieben Strophen. Der Strophenbau unterscheidet sich erheblich von anderen hier besprochenen Strophen. Der typische Begriff Vers verwirrt hier schnell, obwohl er natürlich dazugehört. Also vermeide ich ihn in diesem Fall.
Eine Strophe besteht aus zwei Teilen: Aufgesang und Abgesang.
Aufgesang: Ein Aufgesang besteht aus zwei Stollen/ piede.
Abgesang: Ein Abgesang besteht nicht aus Stollen, ist metrisch anders aufgebaut/
Stollen: Man könnte sich für ein besseres Verständnis ein Stollen als einen Vers vorstellen, der über drei Zeilen hinweg verläuft, wobei jede Zeile feste Regeln aufweist.
Beispiel Stollenaufbau:
1. Zeile 7 Silben a
2. Zeile 7 Silben b
3. Zeile 11 Silben c
Das ist der erste Stollen. Jetzt folgt der zweite Stollen, der genauso aufgebaut ist:
4. Zeile 7 Silben a
5. Zeile 7 Silben b
6. Zeile 11 Silben c
Der Aufgesang ist beendet, es folgt der Abgesang:
7. Zeile 7 Silben c
8. Zeile 7 Silben d
9. Zeile 7 Silben e
10. Zeile 7 Silben e
11. Zeile 11 Silben d
12. Zeile 7 Silben f
13. Zeile 11 Silben f
Man erkennt also ein kompliziertes Wechselspiel zwischen Reim und wechselndem Versmaß. Dieses Wechselspiel ist bezeichnend für die Kanzone, muss aber nicht hundertprozentig wie im Beispiel sein.
Die letzte Kanzonen-Strophe ist häufig kürzer.
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Limerick
Das Limerick ist eine scherzhafte Gedichtform mit einer grundlegend festgelegten Struktur, die aber leicht abgewandelt werden darf.
Ein Limerick besteht aus einer Strophe mit fünf Versen. Das Versmaß ist der Anapest (~~´-). Das Reimschema lautet: aabba.
1. dreihebiger Anapest a
2. dreihebiger Anapest a
3. zweihebiger Anapest b
4. zweihebiger Anapest b
5. dreihebiger Anapest a Vers mit einer Pointe
Eine Variante ist, die Kürzen eines Anapest in eine Länge zu verwandeln, ähnlich dem Daktylus beim Hexameter. Auch kann die Anfangssilbe in den Versen fehlen.
Beispiel (aus der Zeitung 'The Pearl' (1879 - 1880:
There was a young monk from Siberia
Whose morals were very inferior.
He did to a nun
What he shouldn’t have done
And now she’s a Mother Superior.
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Madrigal
Das Madrigal stammt aus Italien und entsprang der Schäferdichtung. Erste schriftliche Madrigale gehen auf Petrarca zurück.
Ein Madrigal besteht aus zwei oder drei Terzinen und zwei Abschlussversen. Das Reimschema ist dementsprechend: aba bcb dd.
Dieser Aufbau ist nicht so festgelegt wie zum Beispiel beim Sonett. Torquato Tasso zum Beispiel schuf Madrigale mit 12 Versen und folgendem Reimschema: ababcddceeff.
Giovanni Pascolo schrieb dagegen Madrigale in Strophenform: aba cbc de de.
In Deutschland wird das Madrigal noch freier gehandhabt. Es gibt ebenfalls kein festgelegtes Metrum, aber auch kein festgelegtes Reimschema; auch die Struktur der Terzinen ist nicht notwendig. Es kann so gar reimfreie Verse geben. Diese Entwicklung mag damit zusammenhängen, dass Madrigal oft als eine Gedichtform angesehen wird, die als Vorlage für ein Musikstück gesehen wird.
Beispiel (Petrarca):
Non al suo amante più Dïana piacque,
quando per tal ventura tutta ignuda
la vide in mezzo de le gelide acque,
ch’a me la pastorella alpestra et cruda
posta a bagnar un leggiadretto velo,
ch’a l’aura il vago et biondo capel chiuda,
tal che mi fece, or quand’egli arde ’l cielo,
tutto tremar d’un amoroso gielo.
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Pantun
Das Pantun ist eine Gedichtform aus Malaysia. Es besteht aus mindestens zwei Strophen zu je vier Versen. Das Reimschema ist der Kreuzreim in der europäischen Variante. Durch eine festgelegte Wiederholung von Versen in den Strophen entsteht eine Art Wechselspiel oder Wechselgespräch, was die Tatsache unterstützt, dass Pantune ursprünglich mündlich vorgetragen wurden, das konnte auch durch zwei Personen geschehen.
a Vers 1
b Vers 2
a Vers 3
b Vers 4
c Vers 2
d Vers 5
c Vers 4
d Vers 6
e Vers 5
f Vers 7
e Vers 6
f Vers 8
g Vers 7
h Vers 1
g Vers 8
h Vers 3
Beispiel (Michaela Schrimpf)
Liebe und Hoffnung
Liebe ist das Zauberwort
Liebe kennt kein Alter
Hoffnung, sie ist unersetzt
Denn sie stirbt zuletzt
Liebe kennt kein Alter
Liebe ist der Mühen Lohn
Denn sie stirbt zuletzt
Hoffnung ist das, was wir tun
Liebe ist der Mühen Lohn
Liebe ist, wie Hoffnung: Unersetzt
Hoffnung ist das, was wir tun
Hoffnung, sie wird nie verletzt
Liebe ist, wie Hoffnung: Unersetzt
Liebe ist das Zauberwort
Hoffnung, sie wird nie verletzt
Hoffnung, sie ist unersetzt!
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Ritornell
Das Ritornell stammt aus Italien. Es Ritornell ist eine Gedichtform, die gerne auch als Strophe verwendet wird. Es besteht aus drei Zeilen. Die erste Zeile wird auch Blumenruf genannt und ist ziemlich kurz. Ansonsten gibt es verschiedene Varianten der Regeln. In Deutschland hat sich der Iambus als Vers für die Zeilen zwei und drei durchgesetzt, anderswo ist er frei wählbar. Die Reimschemata variieren ebenfalls: aba oder abb oder aab oder ungereimt. Der einzelne der zwei Reime wird nicht wieder aufgegriffen, es handelt sich daher um keinen echten Reim und wird deshalb auch statt mit b mit x bezeichnet (Waisenzeile).
Der Inhalt des Ritornells ist vielfältig, vom Seufzer über Poesie und Lob bis hin zu Ironie und Spott ist alles möglich. Das Beispiel ist eher letzterem zuzuordnen.
Beispiel:
Fiore di pepe, a
Se la vostra figlia non mi date, x
Io la ruberò e voi piangerete. a
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Terzine
Die Terzine ist dem Ritornell sehr ähnlich. Eine Terzine besteht aus drei gleichlangen Versen. Das Versmaß der Terzine, die ebenfalls aus Italien stammt, ist im Italienischen häufig der Elfsilbler im Deutschen der fünfhebige Iambus. Im Gegensatz zum Ritornell besteht eine Terzine aus zwei echten Reimen. Der zweite Reim b wird in der zweiten Strophe wieder aufgenommen und umschließt einen neuen Reim, der wieder in der dritten Strophen aufgenommen wird usw. Aus diesem Grund steht die Terzine nie alleine da, sondern ist immer Strophe. Reimschema: aba bcb cdc usw.
Ursprünglich endete das Gedicht aus Terzinen mit einem Abschlussvers. Dieser reimt sich mit dem zweiten Vers der letzten Strophe, so dass kein Reim offen bleibt, also keine Waisenzeile entsteht. Es wirkt zwar wie ein abschließender Kreuzreim, ist es aber nicht, da die zwei Merkmale der Terzine erstens die Dreizeiligkeit und der echte, fortgesetzte Reim ist. Aus diesem Grund braucht es die Abschlusszeile. Es kommt aber auch vor, dass sie weggelassen wird.
Beispiel (Dante):
die göttliche Komödie (Anfang)
Nel mezzo del cammin di nostra vita a
mi ritrovai per una selva oscura b
ché la diritta via era smarrita. a
Ahi quanto a dir qual era è cosa dura b
esta selva selvaggia e aspra e forte c
che nel pensier rinova la paura! b
Tant'è amara che poco è più morte; c
ma per trattar del ben ch'i' vi trovai, d
dirò de l'altre cose ch'i' v'ho scorte. c usw.
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Terzanelle
Lewis Turco spielte mit den Formen der Terzine und der Villanelle herum und entwickelte daraus die Terzanelle, eine Mischform, die es seit 1964 gibt. Ist die Villanelle schon kompliziert aufgebaut, gilt dieses für die Terzanelle erst recht.
Sie besteht ebenfalls aus 19 Zeilen, fünf Terzinen und einem Quartett. Die Strophenform folgt dabei der Terzine bis auf der Schlussstrophe. Die Wiederholung einzelner Verse hat ihr Vorbild in der Villanelle, unterscheidet sich aber. Ich muss gestehen, dass es mir ausreicht, mich einmal durch das Schema der Villanelle gekämpft zu haben, deshalb zitiere ich hier Wikipedia. Und auch das Beispiel zitiere ich aus der verlinkten Website.
"Vers 1 (a)
Vers 2 (b)Vers 3 (a)Vers 4 (b)Vers 5 (c)Vers 2 (b)Vers 6 (c)Vers 7 (d)Vers 5 (c)Vers 8 (d)Vers 9 (e)Vers 7 (d)Vers 10 (e)Vers 11 (f)Vers 9 (e)Vers 12 (f)Vers 1 (a)Vers 11 (f)Vers 3 (a)"(Quelle siehe Link Wikipedia)
Beispiel (Lewis Turco):
Terzanelle in Thunderweather
This is the moment when shadows gather
under the elms, the cornices and eaves.
This is the center of thunderweather.
The birds are quiet among these white leaves
where wind stutters, starts, then moves steadily
under the elms, the cornices, and eaves–
these are our voices speaking guardedly
about the sky, of the sheets of lightning
where wind stutters, starts, then moves steadily
into our lungs, across our lips, tightening
our throats. Our eyes are speaking in the dark
about the sky, of the sheets of lightening
that illuminate moments. In the stark
shades we inhibit, there are no words for
our throats. Our eyes are speaking in the dark
of things we cannot say, cannot ignore.
This is the moment when shadows gather,
shades we inhibit. There are no words, for
this is the center of thunderweather.
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Triolett
Das Triolett, eine Gedichtform aus Frankreich besteht aus acht Versen. Jeder Vers besteht aus acht oder neun Silben. In Deutschland wandelte man das Silbenzählen wieder in das Versmaß Iambus oder Trochäus ab. Es gibt nur zwei Reime, dafür wiederholen sich gewisse Verse wieder.
a Vers 1
b
a
a Vers 1
a
b
a Vers 1
b Vers 2
Einprägsam beschreibt das deutsche Beispiel zwar die Regeln des Trioletts, ursprünglich war der Inhalt aber geistlich, und später wurde es dann zum Ausdrücken tiefer Emotionen verwendet.
Beispiel (Renate Golpon):
Ein Triolett soll ich hier schreiben?
Acht Verse - ein Gedicht so klein!
Bei a und b da muss ich bleiben:
Ein Triolett soll ich hier schreiben,
muss mir das Schema einverleiben,
drei Wiederholungen hinein!
Ein Triolett soll ich hier schreiben:
Acht Verse - ein Gedicht so klein!
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Rondeau/ Roundel: Triolett, Rondel, Roundel, Rondeau redoublé:
Eine kurze Zusammenfassung dieser Gedichtformen, bevor es wieder mit den einzelnen Formen weitergeht.
Schon bei den japanischen Gedichtformen bemerkt leicht die Ähnlichkeiten und auch die Unterschiede, wenn man sie direkt nebeneinander vergleicht.
Die obigen Gedichtformen haben alle ihren Ursprung in der frühen französischen Literaturgeschichte, auch das Roundel gewissermaßen, sie ähneln einander sehr stark, man könnte sogar sagen, sie seien miteinander verwandt.
Gemeinsam ist ihnen die Silbenzählung, die aber pro Form leicht variiert, nur zwei Reime und die Wiederholung von Versen. Eben dieser Aufbau durch Wiederholungen unterscheidet die oben genannten Gedichtformen.
Dabei wurde das Triolett bereits beschrieben, das Roundel ist die/ der englische Variante/ Name für das Rondeau, das Rondeau redoublé ist Sonderform des Rondeau und ausgesprochen selten.
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Rondeau
Das Rondeau besteht entweder aus 12 oder 15 Versen. Die Verse bestehen aus zwischen acht und elf Silben, bis auf die zwei Refrain-Verse, die kürzer sind. Es gibt nur zwei Reime und den ungereimten Refrain. Gegliedert ist das Rondeau in drei Teile:
- fünf Verse: aabba
- drei Verse: aab +Refrain (Der Refrain ist Anfang des Gedichts, die ersten Worte oder erstes Wort)
-fünf Verse: aabbba + Refrain
Beispiel:
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Rondeau redoublé
Hierbei handelt es sich um eine Sonderform des Rondeau. Es kombiniert die Besonderheit des Refrains mit der Wiederholung von Versen aus der ersten Strophe. Insgesamt ist es so aufgebaut: 6 vierzeilige Strophen und am Ende der Refrain. Der Reihenfolge nach bildet jeder Vers der ersten Strophe den Schlussvers der vier folgenden Strophen, dann kommt eine sechste Strophe und der Refrain. Das Reimschema wechselt von Strophe zu Strophe von abab zu baba.
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Roundel
Algernon Charles Swinburne wandelte die Form des Rondeaus in eine eigene ab, in der zwar ganzes Buch mit Roundels von ihm geschrieben wurde, es gab aber nur eine Handvoll Nachahmer.
Das Roundel ist etwas Kürzer:
- drei Verse: aba + Refrain
- drei Verse: bab
- drei Verse: aba +Refrain
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Rondel
Das Rondel scheint noch flexibler in seiner eigentlich sehr starren Form zu sein als das Rondeau. Wichtige Unterscheidung ist, dass beim Rondel der Refrain aus der ganzen ersten Zeile besteht. Diese markante Kürze fällt also weg.
Das Rondel besteht aus drei vierzeiligen Strophen + Refrain (später bestand der Refrain aus den ersten zwei Versen.) Ursprünglich wurden die ersten zwei Versen der ersten Strophe im zweiten Teil der zweiten Strophe wiederholt. Das Reimschema wechselt von Strophe zu Strophe:
- abba
- abab
- abba + Refrain
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Sestine
Die Sestine ist sowohl eine Strophenform wie auch eine Gedichtform. Beide male dreht es sich um die im Namen enthaltene Zahl sechs.
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Sestine als Strophe
1. Jede sechszeilige Strophe wird mittlerweile als Sestine bezeichnet.
2. Ursprünglich hatte die Sestine sechs Verse mit einem bestimmten Reimschema: ababcc.
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Sestine als Gedichtform
Die Sestine besteht aus sechs Strophen, die sechs Versen bestehen, und einer Schlussstrophe aus drei Versen. Das Versmaß ist der Endecasillabo. Die Sestine ist ungereimt, wiederholt aber in festgeschriebener Weise die Endworte der ersten Strophe. Der Erfinder der Sestine war Arnaut Daniel, einem Troubadour.
Die Abfolge der Endwörter in den Strophen:
1 6 3 5 4 2 2,1
2 1 6 3 5 4 6,5
3 5 4 2 1 6 4,3
4 2 1 6 3 5
5 4 2 1 6 3
6 3 5 4 2 1
Die Schlussstrophe enthält also zwei Endwörter der ersten Strophe und zwar in der angegeben Reihenfolge oben.
Beispiel (Elizabeth Bishop,
A Miracle for Breakfeast
At six o’clock we were waiting for coffee,
Waiting for coffee and the charitable crumb
That was going to be served from a certain balcony,
-–Like kings of old, or like a miracle.
It was still dark. One foot of the sun
Steadied itself on a long ripple in the river.
The first ferry of the day had just crossed the river.
It was so cold we hoped that the coffee
Would be very hot, seeing that the sun
Was not going to warm us; and that the crumb
Would be a loaf each buttered, by a miracle.
At seven a man stepped out on the balcony.
He stood for a minute alone on the balcony
Looking over our heads towards the river.
A servant handed him the makings of a miracle,
Consisting of one lone cup of coffee
And one roll, which he proceeded to crumb,
His head, so to speak, in the clouds—along with the sun.
Was the man crazy? What under the sun
Was he trying to do, up there on his balcony!
Each man received one rather hard crumb,
Which some flicked scornfully into the river,
And, in a cup, one drop of the coffee.
Some of us stood around, waiting for the miracle.
I can tell what I saw next; it was not a miracle.
A beautiful villa stood in the sun
and from its doors came the smell of hot coffee.
In front, a baroque white plaster balcony
added by birds, who nest along the river,
—I saw it with one eye close to the crumb—
and galleries and marble chambers. My crumb
my mansion, made for me by a miracle,
through ages, by insects, birds, and the river
working the stone. Every day, in the sun,
at breakfast time I sit on my balcony
with my feet up, and drink gallons of coffee.
We licked up the crumb and swallowed the coffee.
A window across the river caught the sun
as if the miracle were working, on the wrong balcony.
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Villanelle
Eine Villanelle ist ein Gedicht mit sehr festgelegter Form. Es besteht aus 19 Zeilen diese 19 Verse sind in 5 Terzette und einem Quartett aufgeteilt. Die Terzette haben das Reimschema aba, das Quartett abaa.
Also:
a Refrain 1/ Vers 1
b
a Refrain 2/ Vers 3
a
b
a Refrain 1
a
b
a Refrain 2
a
b
a Refrain 1
a
b
a Refrain 2
a
b
a Refrain 1
a Refrain 2
Außerdem bestimmt die Villanelle ein komplexes Refrainschema:
- Der erste Vers ist gleichzeitig der letzte Vers von den Terzetten 2 und 4.
- Der dritte Vers des ersten Terzetts ist gleichzeitig der letzte Vers von den Terzetten 3 und 5.
- Der erste Vers ist außerdem gleichzeitig der dritte Vers des Quartetts, und der dritte Vers des ersten Terzetts ist gleichzeitig der vierte Vers des Quartetts.
Die Villanelle entstand durch den französischen Dichter Passerat, der ein Gedicht in der beschriebenen Form schrieb und es Villanelle nannte. 250 Jahre später entdeckten einige französische Dichter das Gedicht wieder und hielten es für eine traditionelle Gedichtform und belebten sie deshalb wieder. Zwanzig Jahre später entdeckten zwei englische Dichter die Villanelle und legten den Grundstein für ihren Fortbestand, diesmal hauptsächlich im englischen Sprachraum.
Beispiel (Renate Golpon):
Weniger Meer ist manchmal mehr!
Die Muse flüstert: „Villanelle dichten!
Du fühlst dich leicht und trittst nicht auf der Stelle!“
Doch penetrant sein möchte ich mitnichten.
Jetzt soll ich Meer in neunzehn Zeilen sichten?
Gerate ich ins Schwimmen auf die Schnelle?
Die Muse flüstert: „Villanelle dichten!
Du musst dich sehr nach strengem Schema richten!“
Ich schrieb doch Stanzen schon, so ganz reelle.
Doch penetrant sein möchte ich mitnichten!
Schon spür ich Wellen, diese hellen, lichten.
Sie sprudeln durch den Geist gleich einer Quelle,
weil Muse flüstert: „Villanelle dichten!“
Gedicht vom Meer – ich will nicht drauf verzichten,
bin frisch und munter, fühl im Kopf mich helle.
Doch penetrant sein möchte ich mitnichten.
Beim Dichten denk ich nicht an schnöde Pflichten.
Da messe ich ganz kess mit langer Elle,
wenn Muse flüstert: „Villanelle dichten!“
Doch penetrant sein möchte ich mitnichten!
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Fazit:
Bei der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Gedichtformen ist mir einiges aufgefallen. Diese Punkte führten dazu, dass ich mir nicht klar wurde, welches die beste Reihenfolge der Gedichtenformen wäre. Ganz am Anfang begann ich mit meinen Lieblingsformen, um überhaupt zu beginnen, denn vieles musste ich auch erst wieder erinnern - wenn man etwas längere Zeit nicht genutzt hat eben.
Dann dachte ich, die alphabetische Reihenfolge ist doch immer sehr praktisch.
Aber dann lernte ich auch neue Gedichtformen dazu und erkannte, dass bestimmte Regionen oder Länder gewisse Vorlieben für Gedichtformen haben. Aber da insbesondere in europäischen Ländern Formen auch gerne abgewandelt werden, ist eine Anordnung nach diesem Kriterium schwierig. Nur bei so fernen aber seit den Neunzigern beliebten Gedichtformen aus Japan/ Fernost habe ich die Anordnung durchbrochen.
(#f4e5e5)